Existenzen von 2400 Landwirten bedroht

von Redaktion

Bauernverband warnt vor Flächenverbrauch für Brenner-Nordzulauf

Rosenheim – „Nein zu einem oberirdischen Brenner-Nordzulauf!“ – Die Position des Bayerischen Bauernverbandes ist eindeutig. „Der Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse könnte 86 Prozent unserer landwirtschaftlichen Betriebe vernichten“, betont Geschäftsführer Josef Steingraber. Obwohl derzeit noch nicht klar ist, welche der fünf geplanten Trassen letztlich realisiert wird, hat der Bauernverband eine statistische Beispielrechnung gemacht. Die Zahlen sprechen für sich: „Für eine oberirdische Trasse würden im Landkreis Rosenheim durchschnittlich 300 Hektar Fläche – inklusive Baustellen oder Brücken – gebraucht“, so Steingraber. In einer Landschaft mit Natur- und Landschaftsschutzgebieten, Auwäldern, Moor- und Gebirgslandschaften sowie Lebensräumen bedrohter Tier- und Pflanzenarten müsse man mit einem Ausgleichsfaktor von drei rechnen. „Insgesamt werden also allein im Landkreis Rosenheim mindestens 1200 Hektar Land gebraucht“, so Steingraber.

Für Bauern zählt
jeder Hektar Land

In Niederaudorf betreibt die Familie Pichler seit 1538 den Lainthalerhof. Ihre Kälber stehen auf der Alm, 28 Milchkühe werden in Weidehaltung im Tal gehalten. Gerade erst hat die Familie in einen neuen Laufstall für 48 Kühe investiert. Von allen drei geplanten Trassenvarianten mit einer möglichen Verknüpfungsstelle in Niederaudorf wären die Landwirte betroffen. „Alle verlaufen auf unseren Flächen. Wir müssten wahrscheinlich unseren Betrieb aufgeben“, sagt Junior Martin Pichler (25). Er will die landwirtschaftliche Tradition seiner Familie in 15. Generation fortsetzen. Käme der Brenner-Nordzulauf, wären seine Pläne zunichte. „Sechs Hektar würden wir verlieren, unseren gesamten Acker und unsere Herbstweide“, erklärt Pichler. Damit wäre der Biolandwirtschaft die Basis entzogen. Und auch das zweite Standbein der Familie – Ferienwohnungen für Urlaub auf dem Bauernhof – würde dann wegbrechen. Mit ihren Sorgen gehört die Familie Pichler zu mehr als 20 betroffenen Bauern – allein in Niederaudorf.

Sein Kollege Nikolaus Bartl junior (35) lebt auf dem Stacheter-Hof in Berg in der Gemeinde Tuntenhausen, der schon seit vielen Generationen in Familienbesitz ist. Im Sommer stehen die Milchkühe auf der etwa acht Hektar großen Weidefläche direkt an der Hofstelle. Die Kälber und Färsen verbringen die schöne Jahreszeit auf der Steinbergalm. Im Winter leben sie im Berger Stall. Um ihre Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen, wollen die Bartls einen neuen Laufstall bauen. Der Gemeinderat von Tuntenhausen hat zugestimmt. Nur die Genehmigung des Landratsamtes fehlt noch. Drei der fünf möglichen Brenner-Trassen führen über Berg: mit dem vierspurigen Ausbau der Strecke und einer Verknüpfungsstelle. Bartl verlöre einen Großteil seiner Weiden. Auch sein noch nicht gebauter Laufstall ließe sich nicht realisieren.

Für Neuanfänge gibt
es kein Land mehr

„Die Planungen für den Brenner-Nordzulauf haben noch keine Auswirkungen auf unsere Genehmigungsverfahren“, verlautete noch im Januar aus dem Landratsamt in Rosenheim. Doch die Baugenehmigung lässt bis heute auf sich warten. Nikolaus und Monika Bartl fragen sich, ob ihre Familie mit Sohn Nikolaus (6) und Tochter Lucia (2) in Berg überhaupt noch eine Zukunft hat. Oder ob sie sich ein neues Zuhause suchen müssen. Doch wo? „Wir haben hier keine Flächen mehr“, betont Steingraber, „weder für Ausgleichsflächen, noch als Ersatzland für enteignete Flächen.“

Die Deutsche Bahn
kennt die Sorgen

Und wovon solle sich ein Bauer eine neue Existenz schaffen? Sie bekämen für ihr Land eine Entschädigung, so Steingraber. Davon könne sich heute keiner mehr eine neue Existenz aufbauen. „Das Planungsteam der Deutschen Bahn ist mit den Landwirten seit Langem im Austausch. Wir kennen die Sorgen und können diese im Hinblick auf den möglichen Verlust landwirtschaftlicher Flächen auch nachvollziehen“, sagt Franz Lindemair, Sprecher DB Großprojekte Bayern. „Das kann uns Bauern in keinster Weise beruhigen“, reagiert Steingraber. Aus welcher Perspektive die Bahn die landwirtschaftlichen Flächen sehe, lasse sich aus den Unterlagen für das laufende Raumordnungsverfahren erkennen. „So entsteht aus Sicht der Bahn durch die Verlegung der Bahnhöfe Brannenburg und Flintsbach ins Nirwana auf den umliegenden landwirtschaftlichen Flächen ein tolles Entwicklungspotenzial“, zitiert er den Erläuterungsbericht zur Raumentwicklung: „Das sagt doch alles.“

So rechnet der Bauernverband

Etwa 2800 Bauern bewirtschaften in der Region eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 67700 Hektar. Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei rund 24 Hektar. Dabei befinde sich nach Informationen des Verbandes meist nicht einmal die Hälfte der Flächen im Eigenbesitz der Landwirte, die andere Hälfte sei gepachtet. „Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts München spricht man bei einem Abtretungsverlust von fünf Prozent der Eigentumsflächen oder langfristig gesicherten Pachtflächen eines gesunden landwirtschaftlichen Betriebs bereits von Existenzbedrohung“, weiß Josef Steingraber. Das Problem in der Region: „Die Bauern haben ihre Flächen meist nur über einen kurzen Zeitraum gepachtet, also nicht langfristig. Wir müssen also von einer durchschnittlichen Eigenfläche von zehn Hektar pro Landwirt ausgehen“, betont Steingraber. „Damit ist bereits ein Flächenverlust von 0,5 Hektar existenzbedrohend.“ Bei einem geschätzten Flächenbedarf von 1200 Hektar für den Brenner-Nordzulauf würde das im statistischen Umkehrschluss also bedeuten, dass 2400 Bauern und damit 86 Prozent aller Landwirte in ihrer Existenz bedroht wären. Übrig blieben dann nur 400 gesunde Betriebe. ka

Das sagt die Deutsche Bahn

„Die derzeitigen fünf Varianten benötigten unterschiedlich viel Fläche“, betont Franz Lindemair, Sprecher Deutsche Bahn Großprojekte Bayern. Ein höherer Flächenverbrauch werde auch in der Bewertung der Trassen entsprechend dem Kriterienkatalog berücksichtigt. Eine Aussage zu den benötigten Flächen lasse sich erst treffen, wenn ein Trassenverlauf ausgewählt, im Detail fertig geplant und durch die Planfeststellungsbehörde genehmigt sei. „Erst dann wird endgültig festgelegt, wie hoch der Tunnelanteil der Neubaustrecke ist“, betont Lindemair. „Auch gehen wir nicht davon aus, dass alle benötigten Flächen landwirtschaftlich genutzt werden.“ Zudem müssten Ausgleichsflächen nicht in unmittelbarer Nähe des Trassenverlaufs liegen, sondern im gleichen Naturraum. „Die Deutsche Bahn bemüht sich darum, schonende Lösungen zu erarbeiten“, so Lindemair. „Hierfür sind wir in frühzeitigen Gesprächen, um etwa Ansätze zu Ausgleichsmaßnahmen aufzugreifen.“ Beispielhaft nennt er Optionen wie Ökokonten, Renaturierungen von Moorgebieten oder die Aufwertung von Wäldern. Beim Bahnprojekt Hanau-Nantenbach in Hessen sei etwa ein ehemaliges Militärgelände in einen „Erlebnispfad Nationales Naturerbe“ umgewandelt worden.ka

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