Enkeltrick mit „Cousine Christa“ geht nicht auf

von Redaktion

Mehrere Taten in Rosenheim – Erwischte „Abholerin“ muss vier Jahre ins Gefängnis

Traunstein/Rosenheim – Den „Enkeltrick“ nutzen kriminelle Banden, um von älteren Menschen hohe Beträge zu erbeuten. Viermal war eine Organisation zum Jahreswechsel erfolgreich, dreimal, unter anderem in Rosenheim, scheiterte die Masche. Eine „Abholerin“ – eine 25-jährige Polin, dreifache Mutter und im siebten Monat schwanger – verurteilte die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs gestern zu einer Haftstrafe von vier Jahren.

Der Ablauf des „Enkeltricks“ ist stets gleich. „Keiler“, oft aus der Türkei, rufen bei älteren Menschen an und spielen ihnen die Notlage eines Verwandten vor. Immer wieder glauben Senioren, wirklich mit einem nahen Menschen zu sprechen, der dringend Hilfe benötigt. Dann schicken sogenannte „Logistiker“, die sich in der Nähe des jeweiligen Tatorts aufhalten, „Abholer“ los. Über Mittelsmänner gelangt die Beute zu der Bande im Ausland.

Im gestrigen Prozess ging es unter anderem um „Cousine Christa“, die von einer Dame in Rosenheim am 8. Januar für ein soeben ersteigertes Auto 10000 Euro wollte. Das Perfide an dieser Geschichte war: Die Frau hatte tatsächlich eine Cousine gleichen Namens. Die Anruferin forderte die alte Dame auf, das Geld an einer Sparkassenfiliale an der Innstraße zu übergeben.

Die Seniorin war gesundheitlich nicht in der Lage, so weit mit ihrem Rollator zu gehen. Deshalb einigte man sich auf einen Treffpunkt an der Norma-Filiale in der Gießenbachstraße. Die Übergabe platzte – weil die Abholerin die Dame mit falschem Nachnamen anredete. Die Seniorin rückte ihr Geld nicht mehr heraus, ging in den Supermarkt und rief von dort aus die Polizei an. Die Beamten waren Minuten später da. Die Angeklagte war jedoch schon geflüchtet.

15000 Euro Beute holten sich die Betrüger stattdessen zwei Tage später bei einem Opfer in Hofheim im Taunus ab, das am Telefon eine Bekannte namens „Jasmin“ vermutete, die den Betrag als Anzahlung für eine Wohnung brauchte. Für die „Tochter Annett“ und deren Autokauf waren die am 22. Januar erschwindelten 18000 Euro eines Mannes in Dresden gedacht.

Um 45000 Euro wollte die Bande eine Frau in Leipzig am 29. Januar 2020 schröpfen. Doch die Seniorin schöpfte sofort Verdacht, spielte aber weiter mit, sodass Polizeibeamte die „Abholerin“ in Empfang nehmen konnten. Ein Angehöriger der Kriminalpolizei am Polizeipräsidium Oberbayern Süd berichtete gestern Details aus den Ermittlungen. Auf die Spur der 25-Jährigen sei man über den Fall im Januar 2020 in Rosenheim gekommen.

Nach Verhandlungen der Prozessbeteiligten über die Höhe der Strafe bei einem Geständnis schlug die Kammer gestern eine Freiheitsstrafe zwischen drei Jahren und neun Monaten und vier Jahren und drei Monaten vor. Die Angeklagte ließ über Verteidiger Olaf Groborz aus München den verbliebenen Teil der Anklage einräumen. Von den erbeuteten 33000 Euro sollte die 25-Jährige 5000 Euro erhalten. Alles tue ihr sehr leid, sie schäme sich dafür, zitierte der Anwalt seine Mandantin. Ihr sei erst jetzt bewusst, was sie den alten Menschen angetan habe.

„Besonders
verwerflich“

Staatsanwalt Thomas Peter plädierte auf eine Freiheitsstrafe am obersten Rand der Strafspanne. Der Betrug mit dem „Enkeltrick“ sei besonders verwerflich. Positiv wirke, dass den Geschädigten eine erneute Aussage erspart geblieben sei – wegen ihres Alters, ihrer Gebrechlichkeit und ihrer Scham.

Im Urteil hob der Vorsitzende Richter heraus, alte Menschen würden durch die Anrufe „in Angst und Schrecken versetzt“. Die Opfer würden dazu gebracht, Geld zu übergeben. Höchstwahrscheinlich stehe im vorliegenden Fall eine größere Organisation dahinter. Monika Kretzmer-Diepold

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