Ein Wolf? Angst am Bichlersee

von Redaktion

Landwirt entdeckt tote Schafe – Sorgenvolles Warten auf DNA-Test

Oberaudorf – Ist ein Wolf im Bereich Bichlersee hoch über Oberaudorf unterwegs? Diesen Verdacht hat zumindest Berufsjäger Sepp Hoheneder, der gestern zu zwei gerissenen Schafen auf einer Bergwiese gerufen wurde. Das Bild, das sich ihm bot, war grausam: das kleinere der beiden Schafe lag mit zerbissenem Kopf im Gras. Das größere unweit davon war zwar noch am Leben, musste letztendlich aber mit einem Fangschuss erlöst werden.

Für Hoheneder, den erfahrenen Jäger, eine klare Sache: „Das schafft kein Fuchs.“ Schließlich war das erlegte Schaf etwa 70 Meter einen Hang hinab gezerrt und unter einem Zaun hindurchbugsiert worden.

Lautloser Angriff
in der Alpenidylle

Könnte womöglich ein Hund hinter dem Angriff stecken? Das hält Hoheneder für unwahrscheinlich. „Ein Hund zerrt kein Schaf so weit weg ins Gebüsch“, ist er überzeugt. Denn die Weide, in die der Angreifer eingedrungen war, liegt unmittelbar an einem Bauernhof, in Antritt, südwestlich des Bichler Sees, in einer regelrechten Alpenidylle mit Paradeausblick auf den Brünnstein. Der Berufsjäger hat deshalb eine düstere Vermutung: Es könnte sich womöglich um einen Wolf gehandelt haben. Seiner Ansicht ein klares Indiz dafür ist, dass es kein Fuchs war: Dem Tier war die Schnauze abgebissen worden.

Entdeckt hatte die beiden gerissenen Schafe ein Landwirt am Vormittag bei Mäharbeiten – offenbar war die Attacke in der Nacht erfolgt. Hoheneder als zuständiger Jäger war sogleich zur Stelle, erlöste das zweite, noch lebende Schaf mit einem Fangschuss – und machte sich an die „Beweissicherung“. Zugleich informierte er das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU), dessen Wolfs-Experten in der Außenstelle in Hof sitzen. „Die nehmen hoffentlich eine DNA-Probe, ansonsten wird es bei den Spekulationen bleiben.“

Das wird auch erfolgen. Dies bestätigte zumindest eine Sprecherin der Behörde auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Die Information, dass tote Nutztiere im Bereich Oberaudorf aufgefunden worden seien, sei eingegangen. Nächster Schritt sei nun, das Ereignis vor Ort zu dokumentieren, Spuren sicherzustellen und nach Möglichkeit DNA zu gewinnen. Die Behörde will dazu einen Experten entsenden. Das LfU greift dabei auf sein bayernweites Netzwerk an Ehrenamtlichen zurück, in diesem Fall auf einen Fachmann für „Große Beutegreifer“, zu denen neben dem Wolf Luchs und Bär zählen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolf in der Region Rosenheim unterwegs sein könnte? Gar nicht so gering, erklärt dazu die LfU-Sprecherin. Schließlich würden die Tiere bis zu 70 Kilometer am Tag zurücklegen – und somit mühelos auch in der Region landen. „In Bayern kann jederzeit und überall ein Wolf unterwegs sein.“ Zumeist befänden sich die Tiere aber auf der „Durchreise“, auf der Suche nach einem eigenen Territorium.

Jüngste bestätigte Wolfssichtungen liegen dem Landesamt von Ende Juli aus Aichach-Friedberg bei Augsburg und Garmisch-Partenkirchen vor. Weitaus näher an die Region ist zuletzt ein Wolf aus der sogenannten dinarischen Population (Südosteuropa) an den Raum Rosenheim herangerückt: Er hatte sich Ende Juni im Bereich Reit im Winkl sowie auf österreichischer Seite in Kössen und Walchsee zu schaffen gemacht – und Dutzende Schafe gerissen. Das hatte einen Aufschrei unter Almbauern zur Folge.

Ähnlich besorgt äußert sich nun Hoheneder. Ein Wolf zwischen Wildbarren und Brünnstein? „Der passt nicht.“ Nicht auszudenken, würde ein Wolf die Kälber auf den Almen anfallen. Oder gar in ein Wintergatter, der Fütterungsstelle für Rotwild, eindringen. „Dann würde kein Wild mehr das Wintergatter betreten und stattdessen Verbiss- und Schälschäden verursachen“, ist er überzeugt.

Schutz für
die Nutztiere

Weitaus entspannter steht man im Landesamt für Umwelt dem Thema Wolf gegenüber. Wichtig sei es nur, Nutztiere entsprechend zu schützen, ob mit Elektrozaun oder einem Herdenschutzhund, damit sie keine leichte Beute würden.

Ob es sich bei dem Angreifer im Bereich Bichlersee tatsächlich um einen Wolf gehandelt hat, wird sich voraussichtlich erst in einigen Tagen, wenn nicht gar Wochen herausstellen, wenn die Auswertung der DNA-Proben vorliegt. Bis dahin wird wohl das mulmige Gefühl bei Jägern, Landwirten und vielleicht auch bei dem ein oder anderen Wanderer andauern.

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