Es ist noch Platz in der Arche

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

Es gibt eine Geschichte, mit der ich im Kindergarten immer die volle Aufmerksamkeit bekomme: Wenn ich erzähle, wie ein Mann namens Noah vor langer Zeit einmal ein großes Schiff gebaut hat. Als es fertig ist, nimmt Noah neben seiner Familie auch von jeder Tierart ein Paar mit an Bord. Sogar der Holzwurm und seine Frau dürfen zuletzt noch einsteigen, weil sie versprechen, sich bei der Brotzeit auf das eigens dafür bestimmte Brett zu beschränken.

Die Kinder spüren aber sehr schnell, es ist keine lustige Geschichte. Wie manchmal auch im Leben nimmt das Unglück aus heiterem Himmel seinen Lauf. Gut, dass Noah seine Arche gebaut hat, denn es hört nicht mehr auf zu regnen, und es folgt die Sintflut.

Eine Geschichte, die nichts an Aktualität verloren hat. Die Menschen haben nicht nur immer wieder Überschwemmungen von unüberschaubaren Ausdehnungen erlebt, sondern auch viele Katastrophen ganz unterschiedlicher Ursachen, die sie verzweifeln lassen. Sie stellen seit jeher die Frage nach der Schuld und nach dem Überleben.

Vor Kurzem hat es wieder einmal begonnen, ziemlich heftig zu regnen. Was das Hochwasser betrifft, sind wir mit einem blauen Auge davongekommen. Als ich am anderen Tag aber das Radio aufdrehe, höre ich von den Explosionen in Beirut. Wir haben letztlich weder die Naturgewalten noch menschliches Fehlverhalten in unserer Hand.

Noah in der biblischen Erzählung urteilt nicht, aber er handelt besonnen mit Weitblick und nimmt die ganze Schöpfung mit an Bord. Kein Märchen, sondern eine Geschichte, die zum Nachdenken einladen will.

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