Rosenheim/Ostermünchen – Ohne Angelika Fordermeyer hätte ein Senior wahrscheinlich 35000 Euro verloren: Im November vergangenen Jahres wollte er Geld für eine angebliche Cousine abheben – die Angestellte der Volksbank Raiffeisenbank in Ostermünchen wurde hellhörig. Denn der 82-Jährige fiel auf einen sogenannten Enkeltrickbetrüger herein. Diese geben sich am Telefon als Familienangehörige aus und versuchen, den Geschädigten Geld abzunehmen. Gestern ehrte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd in Rosenheim die Bankangestellte für ihr couragiertes Eingreifen.
Am Telefon: Die
angebliche Cousine
Es war ein Vormittag, als das Telefon des Pensionärs klingelte. In der Leitung: angeblich seine Cousine aus München. Er möge ihr doch bitte schnellstmöglich 35000 Euro zahlen. Kurz vor Schalterschluss in der Mittagspause sei der Bankkunde zu ihr in die Ostermünchener Filiale gekommen, erzählt Angelika Fordermeyer. Die Summe ließ sie hellhörig werden. „Der Mann erzählte mir, er sei selbst stutzig. Seine Cousine hätte am Telefon ganz anders geklungen, irgendwie belegt.“ Die 55-jährige Bankangestellte aus Bruckmühl riet ihm, die Cousine unter der Nummer zurückzurufen, die er von ihr hatte. Vielleicht erfahre er so noch mehr. Das Geld gab sie ihm nicht mit – die richtige Entscheidung, denn ihr Kunde war einer Betrügerin aufgesessen. Fordermeyer rief sofort die Polizei. Doch die Betrügerin war nicht mehr zu fassen.
Nicht zum ersten Mal verhinderte Angelika Fordermeyer einen Trickbetrug: Vor drei Jahren wollte eine Kundin 8000 Euro abheben. Sie hätte einen Perserteppich gekauft, erzählte diese damals stolz. Der vermeintliche Verkäufer stand bereits vor der Filiale. Dort hätte sich die Übergabe abspielen sollen, eine beliebte Masche der Verbrecher. Die Täter seien skrupellos, warnt die Polizei. Mit ihrer kommunikativen Art könnten sie selbst argwöhnische Menschen überzeugen.
Betrüger agieren
aus dem Ausland
Die Polizei machte die Bekämpfung der Trickbetrüger zur „Chefsache“: Präsident Robert Kopp rief 2016 eine spezielle Ermittlungsgruppe ins Leben, die noch weiter ausgebaut wird. So möchte man das Bewusstsein für die Verbrechen schärfen. Im vergangenen Jahr konnte die Polizei zwölf Täter festnehmen, im Jahr zuvor waren es acht. Doch die Kriminellen seien vernetzt, handelten selten allein. Die Anrufe kämen aus Callcentern im Ausland, vorrangig aus der Türkei. Von dort aus organisierten die Drahtzieher über Mittelsmänner die Übergabe vor Ort. Nach einer Corona-Pause von etwa drei Monaten wurden viele Verbrecherbanden erst nach Pfingsten wieder aktiv. Denn die Ausgangsbeschränkungen erschwerten die Übergabe des Geldes.
„Der Fantasie der Täter sind keine Grenzen gesetzt“, weiß Andreas Guske, Experte für Kriminalitätsbekämpfung. Eine weitere Betrugsmasche zielt auf ältere Menschen ab: „Falsche Polizisten“ erklärten den potenziellen Opfern, der Bank sei nicht zu trauen. Meist möchten sie Wertgegenstände wie Goldbarren vermeintlich in Sicherheit bringen, die Besitzer sehen diese nie wieder. „Dieses Phänomen ist geeignet, Menschen komplett arm zu machen.“
Seelische Belastung
für die Senioren
Fallen Senioren auf Trickbetrüger herein, bedeute das nicht nur eine große finanzielle Belastung, so Guske. Die Straftäter bauten stunden-, gar tagelang Druck auf die Geschädigten auf. „Es ist vor allem ein großer seelischer Schmerz für die älteren Menschen.“ Die Psychologie spiele dabei eine große Rolle, weiß Guske. Ältere Menschen versuchten, sich selbst Zusammenhänge zu erschließen. Ein unbekannter Verwandter? Statt womöglich senil zu wirken, reimten sich Senioren lieber eine Geschichte zusammen. Im Nachhinein schämten sich viele Senioren für ihre Fehler, trauten sich nicht, mit ihrer Familie darüber zu sprechen. Genau darauf setzten die Betrüger. „Die Mitarbeiter in der Bank sind die letzte Hürde, die den Schaden verhindern können.“ Sie seien oftmals der einzige Kontakt des potenziellen Opfers, bevor es zur Übergabe kommt.
Deshalb schule die VR-Bank ihre Mitarbeiter für diese Fälle, so Mirko Gruber, stellvertretender Vorstandssprecher der VR-Bank Rosenheim-Chiemsee. „Unsere Mitarbeiter können die Kunden sensibilisieren. Sie kennen die gängigen Tricks.“
Um den Trickbetrügern das Handwerk zu legen, hat die Polizei über 30 Banken in der Region um ihre Unterstützung im Kampf gegen die Trickbetrüger gebeten. Seit zwei Jahren warne die Einsatzzentrale, sobald sie in einem Ort mehrere Hinweise zu Trickbetrüger-Aktivitäten erhalten habe, Filialen vor Ort per Mail. Die Bankmitarbeiter sind somit alarmiert und können aktiv werden. Tatendrang bewies auch Angelika Fordermeyer. Sie zeigt sich ganz bescheiden: „Für mich ist es selbstverständlich, dass ich geholfen habe.“