Eine Impfung gegen Extremismus

von Redaktion

Die „X-Games“ beim Projekt „W hoch 3“ geben Jugendlichen Einblicke ins Thema Radikalisierung

Rosenheim – 500 Euro sind in dem Koffer, den Moema Smago den beiden „Gruppenführern“ präsentiert. Sie schließt mit den beiden einen Vertrag ab: Die Gruppe, die in den kommenden Spielen mehr Punkte erzielt, gewinnt die Summe. Das ist Teil der „X-Games“ des Vereins „Inside-Out“, die zum Ziel haben, die Teilnehmer zu radikalisieren – um sie am Ende aber dauerhaft gegen Extremismus zu „impfen“.

Tabuthemen
auf der Agenda

Die „X-Games“ finden als Teil des Projekts „W hoch 3“ der Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration (gfi) in Rosenheim statt. „Wir wollen Ängste abbauen“, sagt Tayfun Samli. Er ist einer der Leiter des Projekts, Schirmherr ist Landrat Otto Lederer (CSU). „Dazu gehört auch, über Tabuthemen wie Rassismus oder Sexismus zu sprechen.“

Den Teilnehmern mit und ohne Migrationshintergrund zwischen 16 und 27 Jahren sollen demokratische Werte und Normen vermittelt werden, die diese dann als „Multiplikatoren“ in Workshops weitergeben können. „Dafür wollen wir auch die Selbstreflexion fördern“, sagt Samli. Selbstreflexion soll auch am Ende der
„X-Games“ stehen.

Schon der Beginn des Abends scheint etwas ungewöhnlich. Smago und ihre Kollegin Juliane Sturm stehen in weißen Kitteln vor den elf Teilnehmern. Diese werden in zwei Gruppen aufgeteilt und vor unlösbar wirkende Aufgaben gestellt: Soll man als Zahnarzt einen Mann behandeln, der angekündigt hat, seine Frau zu töten oder ihm eine Überdosis verabreichen? Soll man als Polizist einem Terroristen androhen, dessen Sohn die Finger zu brechen, wenn er nicht gestehen will, wo er eine Bombe versteckt hat? Dabei gibt es immer nur zwei Antwortmöglichkeiten, A oder B, Schwarz oder Weiß. Die Jugendlichen stehen unter Zeitdruck, um undurchdachte Entscheidungen zu provozieren.

„Jeder ist manipulierbar“, sagt Smago. Zusammen mit ihrer Kollegin Juliane Sturm leitet sie das Spiel an. Der Verein „Inside-Out“ bietet verschiedene Aktionen zur Extremismusprävention an. „Schon unsere weißen Kittel vermitteln Autorität, wir werden nicht mehr hinterfragt.“ Die beiden führen das Spiel auch mit Führungskräften oder Bundeswehroffizieren durch, es funktioniere bei jedem. „Ziel ist, dass wir sie in das System hineinziehen, bis wir sie letztendlich enttäuschen.“

Die 500 Euro werden sich Smago und Sturm am Ende symbolisch in die eigene Tasche stecken. „Wir wollen einen Aha-Effekt erreichen, dass die Jugendlichen spüren, dass sie gerade manipuliert wurden. Das soll dann in der Zukunft als eine Art Impfung gegen Extremismus wirken“, sagt Sturm.

Über mehrere
Ebenen

Die Radikalisierung der Jugendlichen funktioniert über mehrere Ebenen. Die Namen der Teilnehmer werden ersetzt durch Nummern, alle müssen eine Warnweste tragen. Smago und Sturm verteilen die Punkte willkürlich. Alle müssen einen Luftballon als ihr „Leben“ beschützen. Bewusst sollen sich die Gruppen gegenseitig runtermachen. Eine Person ist jeweils ein Spitzel, sie soll immer dagegen reden und so für Unruhe sorgen – damit sich niemand gegen die Spielleiter wendet. Von außen kann man die Spirale in den Extremismus beobachten: Als ein Mädchen ihren Luftballon verliert, gehen die anderen sofort auf sie los. Vergangene Entscheidungen dürfen nicht mehr diskutiert werden. Auch die Sprache wird vulgärer – alle sollen das Gefühl haben, dass heute mehr erlaubt sei. Am Ende wird die Situation zugespitzt, die eine Gruppe nimmt die andere als Geiseln und fordert, dass entweder eine Person ausgeliefert wird oder alle ihr Leben verlieren.

Als sich Sturm und Smago die 500 Euro selbst verleihen, ist die Enttäuschung der Jugendlichen groß. „Das ist der Moment, in dem wir aus dem Spiel aussteigen“, sagt Sturm. Die Westen und Kittel werden ausgezogen, jeder bekommt seinen Namen wieder. Nach einer kurzen Pause wird im Detail besprochen, was heute Abend passiert ist. „Es war ein unfaires Spiel, weil wir von Anfang an Hintergedanken hatten, die wir nicht mit allen geteilt haben“, sagt Smago.

Zusammen mit den Jugendlichen sprechen sie über die vielen Tricks, mit denen sie einen Trichter in den Extremismus geschaffen hatten – bis am Ende niemand mehr hinterfragt hat, die andere Gruppe als Geiseln zu nehmen und „hinzurichten“. „Deswegen halten wir keine theoretischen Vorträge, wir wollen, dass jeder das miterleben kann. Dann erinnert man sich vielleicht später, wenn man mal in Kontakt mit Extremisten kommt“, sagt Sturm.

Für diesen Fall geben die beiden Spielleiter den Jugendlichen auch Tipps mit: „Fragt nach, wer diese Leute sind und woher sie kommen. Sagt Stopp wenn ihr etwas nicht tun wollt, lasst euch nichts vorschreiben. Informiert euch aus verschiedenen Quellen und glaubt nicht nur einer Sichtweise“, sagt Smago.

Für die Teilnehmer war es ein lehrreiche Erfahrung. „So etwas öffnet einem die Augen. Man merkt, dass man selbst manipuliert werden kann“, sagt Hasan Gürel. Er war einer der „Gruppenführer“. Anita Azap stimmt ihm zu: „Das kann jedem passieren. Aber wenn man diese unterschwelligen Tricks kennt, merkt man es vielleicht schneller bei sich oder anderen.“ Auch Nadine Jusaj hat etwas mitgenommen: „Es war wirklich interessant, ich habe viel gelernt.“

Kämpfer aus
dem Bürgerkrieg

Im Herbst kommt der Verein „Inside-Out“ noch einmal nach Rosenheim zum Projekt „Wissen hoch 3“. In Zusammenarbeit mit der NGO „Fighters for Peace“ organisieren sie einen Dialog mit Kämpfern aus dem libanesischen Bürgerkrieg. Sie haben die Auswirkungen von Extremismus hautnah erlebt und können davon berichten. Damit die Jugendlichen in Zukunft extremistische Tendenzen nicht nur erkennen, sondern verhindern können.

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