Rosenheim – Immer wieder Tabellenführer – das war in den vergangenen Wochen Rosenheim. In kaum einem anderen Landkreis, keiner anderen kreisfreien Stadt des Freistaats steckten sich im Verhältnis so viele Menschen an wie in Rosenheim. Teilweise stieg die sogenannte 7-Tage-Inzidenz – die Zahl der Ansteckungen einer Woche auf 100000 Einwohner gerechnet – auf knapp unter 70 und damit weit über jene kritische Marke von 50.
Das Überraschende: Während die Zahl der Infektionen durch die Decke ging, blieb die Zahl der mutmaßlich an oder mit Corona gestorbenen Menschen gleich. Seit Beginn des Sommers nahm die Anzahl der schweren Verläufe insgesamt ab.
Seit Anfang Juli seien nur noch vereinzelt positiv getestete Patienten und Verdachtsfälle stationär in Behandlung gewesen, sagte Romed-Sprecherin Elisabeth Siebeneicher. „Die Fallzahlen sind auf einem niedrigen Niveau derzeit stabil.“ Eine erfreuliche Entwicklung, ebenso wie die der Sterblichkeit durch Covid-19: Im Romed-Verbund wurde der letzte Todesfall eines positiv getesteten Patienten Anfang Juli registriert, es bleibt bei 199 Toten im Landkreis und 23 in der Stadt. Hat das Virus seine Kraft verloren?
Die Fachleute diskutieren noch. Ist es das warme Wetter, das die Virenlast vermindert und damit Krankheitsverläufe lindert? Davon gehen viele Fachleute aus, nicht jedoch Dr. Osamah Hamouda, einer der Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts, die in den vergangenen Monaten Studien in Bayern, darunter in Bad Feilnbach, durchgeführt haben. „Diese Vermutung erweist sich als falsch, wenn man nach Spanien, Italien und Frankreich schaut.“ Diese Länder hatten viele Corona-Tote und Infektionen, trotz hoher Temperaturen.
Ein wichtiger Faktor, da sind sich die Experten weitgehend einig, ist hingegen das Alter. „Seit Juni sind kaum noch Fälle bei den über 80-Jährigen aufgetreten“, berichtet Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Gesundheitsamtes. „Auch die Erkrankungszahlen bei den 60- bis 79-Jährigen sind zurückgegangen.“ Man gehe davon aus, dass die Maßnahmen zum Schutz der Risikogruppen greifen. Der Eintrag von Infektionen in Pflegeeinrichtungen sei „wesentlich geringer“, die Schutzmaßnahmen dort „gut etabliert“.
Da kommen die Erfahrungen aus 200 Tagen Corona. Schulungen zum Gebrauch der Schutzausrüstung und zur Isolierung von Erkrankten würden gut angenommen, sagt Hierl. Ebenso die Angebote zur Reihentestung von Personal nach der bayerischen Teststrategie.
„Man weiß mittlerweile auch besser, wie man gefährdete Gruppen schützen kann“, bestätigt Osamah Hamouda. Was beispielsweise Gregor Kumberger vom Seniorenheim Lohholz in Kolbermoor bestätigen kann. Man lasse aber Treffen der Senioren mit Angehörigen zu, bevorzugt im Freien, wo man acht Plätze eingerichtet hat. Bettlägrige dürfen im Zimmer besucht werden, allerdings unter strengen Auflagen. Gemeinsame Spaziergänge sind möglich – mit Mund-Nasen-Schutz. Sicherheit ohne Isolation – das ist ein Schlüssel.
Gregor Kumberger sagt: „Zur Gesundheit gehört auch Zufriedenheit.“ Sogar Sommerfeste fanden in Haus Lohholz statt – allerdings mussten da Senioren und Personal unter sich bleiben. „Alle Bewohner müssen vor dem Einzug getestet sein“, sagt Kumberger.
Womit Punkt drei angesprochen wäre: Tests. Mit dem Testangebot an Reiserückkehrern steigt die Sicherheit für ältere Menschen: Ein Urlauber, der sich nach einem positiven Test konsequent in die Isolation zurückzieht, hat keine Gelegenheit, seine Großeltern anzustecken. Die Altersstruktur bei den Getesteten tut ein Übriges. Aber sie belasten nicht die Krankenhäuser, haben so leichte Verläufe, dass ohne Tests viele von ihnen gar nicht in die Corona-Statistik eingegangen wären. Denn das hat sich über all die Monate mit Corona bestätigt: Jüngere und fitte Menschen leiden in der Regel nicht so stark unter Corona. Wenngleich – die Ausnahmen von der Regel – die Nachwirkungen bei einigen von ihnen noch wochenlang später spürbar waren. „Wir sind sehr froh, dass schwere Verläufe im Moment so gering sind“, sagt Dr. Max von Holleben, Kaufmännischer Leiter des Romed-Klinikums Rosenheim. Ein Selbstläufer sei das aber nicht: „Wir appellieren eindringlich an die Menschen, dass bitte die AHA-Regeln weiterhin beachtet werden.“Michael Weiser