Rosenheim/Ischgl – Der Après- Ski-Party folgte der Kater, in Ischgl infizierten sich im Frühjahr auch viele Rosenheimer. Jetzt beginnt die juristische Aufarbeitung des Corona-Desasters: In Wien hat der Verbraucherschützer Peter Kolba (61) die ersten Musterklagen gegen die Bundesrepublik Österreich und Kanzler Sebastian Kurz eingereicht. Vorwurf: Die Behörden in Ischgl und Tirol spielten den Ernst der Lage herunter, das Krisenmanagement sei verheerend gewesen. Im Erfolgsfall dürfen auch in Ischgl an Corona Infizierte aus der Stadt und dem Landkreis Rosenheim auf Entschädigung hoffen.
Wie hoch ansteckend Ischgl war, machte im Sommer eine Studie deutlich. Bei über 40 Prozent der Bewohner konnten später Antikörper festgestellt werden. Eine weitere Studie machte deutlich, wie gefährlich die Nähe zu Ischgl war: Das Kieler Institut für Weltwirtschaft wies nach, dass bereits ein um zehn Prozent kürzerer Anfahrtsweg nach Ischgl die Infektionsrate im Schnitt um neun Prozent erhöhte.
210 Kilometer
entfernt
von Rosenheim
Rosenheim liegt gerade mal 210 Kilometer von Ischgl entfernt. Und Ischgl nah am Herzen der Rosenheimer Wintersportler. Von Tirol aus kamen sie zurück und steckten andere an. Eine Rolle bei der schnellen Verbreitung des Ischgl-Souvenirs spielten vermutlich auch Großereignisse wie das Starkbierfest in Rosenheim oder das Alpine-Brass-Konzert in Bad Feilnbach, mit Teilnehmern auch aus Tirol.
Experten bezeichnen Ischgl als „Ground Zero“ der Corona-Pandemie, was nach Ansicht von Peter Kolba erst die Versäumnisse der Behörden ermöglichten. Der Jurist und Verbraucherschützer hat vier Musterklagen eingereicht.
Und zwar in Wien, wo für ihn auch der Hauptverantwortliche sitzt: Kanzler Sebastian Kurz und die österreichische Bundesregierung. Vor Gericht soll nun Klarheit in die Sache kommen. „Es kann ja nicht sein, dass sich Bundesland und Bundesregierung andauernd die Schuld zuschieben“, sagt Kolba.
Bei ihm haben sich 6000 Menschen aus 45 Ländern registrieren lassen, in Erwartung juristischer Auseinandersetzungen im Kampf um Schadensersatz. Auch Skiurlauber aus Rosenheim und Umgebung sind dabei. Rund 30 Menschen aus der Region hätten sich bei ihm gemeldet, sagte Kolba den OVB-Heimatzeitungen. Sie können sich der Sammelklage anschließen, die Kolba und sein Team für nächstes Jahr vorbereiten.
„In Tirol wurden Fehler gemacht – schwere Fehler“, so Kolba. „Der Gesundheitsminister hätte nicht zuschauen dürfen, er hätte das Zaudern der Behörden überwinden müssen. „Man hat alles zu spät gemacht, hat zu spät gewarnt, zu spät die Hotels und schließlich das Tal geschlossen“, sagt Kolba. Erst eine Woche nachdem aus Island eine Massenansteckung von isländischen Skiurlaubern gemeldet worden sei, habe man sich bewegt.
Beispiel „Kitzloch“: Noch am 10. März, nachdem bekannt war, dass sich die ganze Crew der „Kitzloch“-Bar angesteckt hatte, sei verkündet worden, dass die Saison bis in den Mai hinein dauere. Das hat der Blogger Sebastian Reinfeldt herausgefunden.
Am 13. März verkündete Bundeskanzler Kurz um 14 Uhr die Quarantäne für Ischgl, Paznauntal und St. Anton – und zwar „ab sofort“. „Damit hat Kurz Chaos ausgelöst“, sagt Kolba. Touristen flohen in Massen aus dem Tal. Das sollten sie auch – aber erst, nachdem ihre Identität festgestellt worden war. Doch das geschah offenbar nicht. Die Formulare dazu waren ja auch noch gar nicht eingetroffen.
Auch die Behörden in den Heimatländern wurden nicht oder nur unzureichend informiert. Etwa das Rosenheimer Gesundheitsamt. „Dort sind solche Formulare nicht bekannt“, hieß es auf Nachfragen der OVB-Heimatzeitungen.
Chaos bei der
Massenflucht von
Tausenden Urlaubern
In der Praxis bedeutete das, dass Hunderte, vielleicht sogar Tausende infizierte Skiurlauber das Virus in ihre Heimatländer trugen, ohne sich danach in Quarantäne zu begeben. „Wir wollen sehen, wie Bundesregierung und Bundesland Tirol reagieren“, sagt Kolba. „Und wir wollen wissen, wie die Richter reagieren.“
Weil dies viele Jahre dauern kann, wird er heute in einer Pressekonferenz in Wien einen offenen Brief an Bundeskanzler Kurz vorstellen – mit der Aufforderung zu einem runden Tisch. So könne man den Weg zu einer Entschuldigung und einer Entschädigung der Opfer abkürzen, hofft er.