Rosenheim – Auf einmal war da Bewegung hinter den lauschenden Klinik-Beschäftigten, eine Frau hinter den Streikenden winkte mit ihrer Krücke. Gewerkschafter Win Windisch unterbrach seine Ansprache, blickte über seine Schulter und sprach über Megafon zu jemandem jenseits der Einfahrt: „Ich glaube, da ist eine Patientin, auf die Sie warten.“
Entspannte
Stimmung
Ob dieser improvisierten Dienstleistung hörte man Gelächter. Es passte zu der einigermaßen entspannten Stimmung beim Warnstreik der Gesellschaft Verdi gestern vorm Romed-Klinikum. Rund 50 Mitglieder der Belegschaft waren zum Warnstreik in Form einer „aktiven Mittagspause“ vorm Haupteingang gekommen. Vor den Romed-Mitarbeitern äußerte sich der Rosenheimer Gewerkschaftssekretär Win Windisch ruhig, aber bestimmt. „Ich glaube, dass wir noch den ganztägigen Warnstreik brauchen werden“, sagte er mit Blick auf die dritte Verhandlungsrunde am 22. Oktober. Die Arbeitgeber zeigten kein Entgegenkommen, da müsse man nochmals ein Signal setzen.
Verdi fordert
4,8 Prozent mehr
Unter anderem 4,8 Prozent mehr Geld will die Gewerkschaft für die Angestellten. Die Forderungen von Verdi seien in einer reichen Gesellschaft wie der deutschen berechtigt, sagte er. „Ihr habt gezeigt, dass Ihr unverzichtbar seid.“ Beispielsweise mit einer Corona-Abgabe, zu erheben von den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung, seien die Forderungen zu erfüllen.
Dass den Beifallskundgebungen während der Hochzeit der Corona-Pandemie nun Taten in Form von Lohnerhöhungen, besseren Arbeitszeiten und Pflegezulage folgen müssten, davon sind die Streikenden überzeugt. Etwa Burkhard Becker, stellvertretender Leiter Intensivstation in Rosenheim; er findet es nicht gerecht, „dass wir bei unserer Arbeit die Verantwortung von Ärzten tragen, aber Ärzte viel mehr verdienen“.
Seine Forderungen sieht das Pflegepersonal nicht zuletzt durch seine Leistungen auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie begründet. „Ich habe Gravierendes erlebt“, sagt etwa Barbara Kollmannsberger aus der Kardiologie. Nach einer Vielzahl von Geräteschulungen habe sie Intensivpatienten betreut. „Ich bin körperlich und seelisch massiv erschöpft“, sagt sie. Becker drückt es so aus: „Ich habe es für mich mit einem Kriegseinsatz verglichen, weil man ja einfach funktionieren musste.“ Für die dritte Verhandlungsrunde in drei Wochen ist nach Meinung der Streikenden Nachdruck nötig.
Markus Thumes, er arbeitet auf der Palliativstation, findet das erste Angebot von Arbeitgeberseite „frech und das weitere Verhalten noch frecher, weil einfach nur ,Nein‘ zu allem zu sagen auch keine Art zu verhandeln ist“.
Verständnis
beim Arbeitgeber
Vonseiten der Romed-Kliniken aus äußert man sich verständnisvoll. „Krankenhausmitarbeiterinnen und -mitarbeiter sind gerade in den coronagebeutelten Zeiten wichtiger denn je und auch entsprechend stark belastet“, äußerte sich Personaldirektor Hans Daxlberger in einer schriftlichen Entgegnung auf eine Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. „Wir haben Verständnis für die Forderungen nach mehr Lohn. Stadt und Landkreis Rosenheim waren während der ersten Pandemie-Welle eine der am stärksten betroffenen Regionen.“
Gestreikt wurde gestern auch an den anderen Romed-Standorten. Dieter Klee, Betriebsratsvorsitzender der Romed-Klinik in Wasserburg, Prien und Bad Aibling, sprach von einem „Affront“ der Arbeitgeber in den ersten beiden Verhandlungsrunden: Sie hätten eine Forderung erhoben, die die Arbeitnehmer zusätzlich belastet hätten. Nicht einmal eine Nullrunde mit einem spärlichen Inflationsausgleich hätten sie akzeptieren wollen. „Haben wir nächstes Jahr etwas mehr Inflation, zahlen wir drauf. Das kann nicht sein“, sagte Klee. Auch in Bad Aibling und Prien gingen Angestellte in die „aktive Mittagspause“. Mit 50 Teilnehmern fand in Rosenheim die größte Kundgebung statt, bis zu zwei Dutzend Teilnehmer wurden an den anderen Standorten gezählt.
Betrieb
gewährleistet
Nach Auskunft von Verdi wurden die Warnstreiks auch aus Gründen der Corona-Regeln kleingehalten. Für jede Station, jeden Bereich, sei nur ein Beschäftigter gekommen, sagte Win Windisch. Es sei außerdem darauf geachtet worden, dass der reibungslose Betrieb in den Kliniken gewährleistet geblieben sei.