Kleiner Zettel, großer Ärger

von Redaktion

Wegen Corona-Regeln: Priener Hütte sperrt Tiroler aus

Aschau „Leider kein Zutritt für Gäste aus Tirol!“: Dieser Satz auf einem kleinen Aushang an der Tür der Priener Hütte hat für Riesen-Verstimmung unter Nachbarn gesorgt.

Hintergrund des Aushangs: die Quarantäne-Verordnung der Bayerischen Staatsregierung. Wirtin Monika Becht und ihre Mitarbeiter wollten dieser Verordnung unbedingt gerecht werden. Eine Regelung, derart kompliziert, dass es gar nicht so einfach ist, ihr gerecht zu werden. Wie dann auch die Wirtsleute einsehen mussten. Inzwischen haben sie den Zettel wieder abgehängt.

Da waren die Tiroler aber schon eingeschnappt. Die Priener Hütte, auf Aschauer Gebiet und wirklich in engster Nachbarschaft, auf einmal für Tiroler gesperrt? Was die Reaktionen verschärfte: Auf dem Facebookfoto konnte man nur das schroffe Fettgedruckte entziffern, nicht aber den freundlicheren Rest des Textes. Dort stand unter anderem zu lesen: „Wir bitten um Euer Verständnis und hoffen Euch bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen.“

„Uns sind alle
Gäste gleich wichtig“

In einer Kufsteiner Facebook-Gruppe häuften sich die empörten Kommentare. „So etwas jemals an einer Hütte unserer bayerischen Nachbarn zu lesen, hätte ich niemals für möglich gehalten. Ich hoffe, dass alle Tiroler mit Ehre und Anstand diese Hütte niemals mehr betreten.“ So lautet noch eine der gemäßigteren Äußerungen. Man liest dort aber auch: „Alltagsrassismus made in Bavaria“. Und Schlimmeres.

Monika Bechts Stellvertreter Andreas Buttler versuchte, die Wogen zu glätten. Man wolle doch nur Verstöße gegen das Quarantäne-Gesetz Bayerns vermeiden, erklärte Buttler zunächst. „Bei Verstoß gegen das Beherbergungsverbot droht uns ein hohes Bußgeld.“ Die Hütten-Crew bedauere das erzwungene Fernbleiben der Tiroler sehr. „Uns sind alle Gäste gleich wichtig, egal wo sie her sind, welche Hautfarbe, welcher Dialekt“, sagte Buttler auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. „Viele unserer Stammgäste stammen von der Tiroler Seite des Berges.“

DAV verweist auf „Sorgfaltspflicht“

Der Alpenverein stellte sich an die Seite seiner Wirtsleute. „Wie sollen Hüttenwirte mit dieser Vorgabe in der Praxis umgehen? Sollen sie jeden Gast fragen, wo er herkommt?“, fragt DAV-Sprecher Thomas Bucher zurück. „Grundsätzlich haben Hüttenwirte eine Sorgfaltspflicht“, mit einem Aushang wie dem an der Priener Hütte gehe der Wirt eben auf Nummer sicher.

Sogar auf Tiroler Seite zeigte man Verständnis. „Der Wirt fürchtet sich halt vor den hohen Strafen“, sagte Kufsteins Bürgermeister Martin Krumschnabel. „Das klingt schrecklich, was da auf dem Zettel steht, aber es ist wohl ein Akt der Notwehr.“

Allerdings wohl ein unnötiger Akt, wie sich herausstellte. Denn nur auf den ersten Blick wirkt die Beherbergungsregel wie eine Drohung für Wirte. Es ist eine komplizierte Regelung, wie gesagt, man kann sie aber grob wie folgt zusammenfassen: Tirol ist kein Risikogebiet im Sinne der Beherbergungssatzung.

„Es gibt momentan kein Beherbergungsverbot“ für Menschen aus Risikogebieten, bestätigt auch Marcus da Gloria Martins, Sprecher der bayerischen Corona-Taskforce. Streng genommen müsste Buttler niemanden aussperren, der die Nacht unter seinem Dach verbringen will. Selbst wenn er aus Tirol kommt. Denn: „Der Tiroler darf grundsätzlich ja gar nicht rüber.“ Auch daran erinnert da Gloria Martins.

Für Grenzsicherung
ist der Wirt nicht da

Es mag Ausnahmen geben für Reisende aus Risikogebieten, die in wichtigen Angelegenheiten unterwegs sind. Nicht aber für Wanderer, die schnell mal auf Weißbier und Kaiserschmarrn bei den Nachbarn einkehren wollen. Illegale Grenzgänger zu kontrollieren ist aber sicher nicht Sache der Wirte. Davon haben sich jetzt auch Monika Becht und Andreas Buttler überzeugt. Nach Rücksprache mit dem Gesundheitsministerium haben sie den Zettel wieder abgehängt.

Andreas Buttler hofft, dass möglichst schnell wieder Ruhe einkehrt. Und dazu die Stammkundschaft von jenseits der Grenze. „Wir hoffen, dass das alles mit Corona bald ad acta gelegt wird“, sagt Buttler. Er klingt, als habe er die vergangenen Stunden vor allem mit intensivem E-Mail-Austausch gut überstanden. „Wir sind nicht bedroht worden, aber es haben schon Gäste gefragt, ob das wahr ist.“

Ist es nicht mehr, allenfalls an die Quarantänepflicht will die Hütten-Crew erinnern, ein einfacher Minimal-Hinweis auf komplizierte Vorschriften. Verärgert sei er deswegen nicht, sagt Buttler. „Man kann sich vorstellen, dass das Ministerium überfordert ist, für jede Branche individuelle, einfache Regelungen zu erlassen.“

Artikel 9 von 11