Rosenheim – Bundes- und Landesebene auf der einen, die Ortsverbände auf der anderen Seite: Die Grünen zoffen sich über den Brenner-Nordzulauf. Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, will den Neubau einer Trasse ganz und gar nicht ausschließen. Zum Missvergnügen der Grünen in der Region.
Treffen im
Büro in München
Man traf sich in München, im Grünen-Büro an der Sendlinger Straße, einem Ort, wo Verkehrsprobleme zu normalen Zeiten eigentlich nur dann auftreten, wenn sich zu viele Touristen durch die Straßen der Altstadt drängen. Hofreiter empfing Parteifreunde aus Stadt und Landkreis Rosenheim. Thema: der Brenner-Nordzulauf im Allgemeinen und die Anliegen der Region im Speziellen. Das Gespräch blieb ohne Einigung, ein Fazit zogen die Besucher in einem gemeinsamen Papier: „Da gehen die Haltungen der Grünen aus der Region und die der Bundesgrünen auseinander.“
Peter Rutz, Co-Fraktionschef der Grünen im Rosenheimer Stadtrat, übersetzt das so: „Die in München und Berlin sehen das aus der Vogelperspektive, da nimmt man aber die Kleinteiligkeit des Problems nicht wahr. Wir vor Ort müssen auf jeden Fall die Interessen des Inntals und seiner Bürger vertreten.“
Was für Rutz und seine Parteifreunde in Rosenheim bedeutet: auf gar keinen Fall eine neue, auf Hochgeschwindigkeit getrimmte Strecke für die Bahn. Sondern Modernisierung der bestehenden Strecke allein.
Unterschiedliche Meinungen in einer Partei sind sicherlich nicht ungewöhnlich. Bei den Grünen und dem Brenner-Nordzulauf liegen die Positionen offenbar so weit auseinander, dass Toni Hofreiter Diskussionen über das Thema vermeidet. „Der Termin bei ihm war schon schwierig zu bekommen“, sagt Peter Rutz. Gegenüber den OVB-Heimatzeitungen duckte sich Hofreiter weg, der Bundespolitiker ließ mehrere Anfragen über die Pressestelle der Grünen abblocken.
Da zeigen andere Grüne mehr Offenheit. „Die zwei bestehenden Gleise von Grafing bis Rosenheim und im Inntal bis Kiefersfelden reichen auch mit technischer Aufrüstung nicht aus, um den zusätzlichen Bahnverkehr nach Fertigstellung des Brenner-Basistunnels aufzunehmen“, antwortet beispielsweise Markus Büchler, Mobilitätsexperte der Grünen-Landtagsfraktion auf die Anfrage der OVB-Heimatzeitungen.
Oder Cem Özdemir, bei einem Auftritt in der Region im März. „Wenn ich Ihnen heute mitteile, dass ich den Bedarf für ein drittes und viertes Gleis auf einer Neubaustrecke kategorisch ausschließe, wäre das nicht seriös“, sagte der Ex-Parteivorsitzende der Grünen damals. „Was ich nicht mache, ist, den Menschen bei meinen Auftritten vor Ort immer nur das zu sagen, was sie hören wollen.“ Hofreiter sagt dagegen aktuell lieber gleich gar nichts.
Dabei hat die Reise der Grünen in Bund und Region dasselbe Ziel: Es muss mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene. „Im Klimaschutz sind wir uns einig“, sagt der Rosenheimer Stadtrat Franz Lukas, „wir wissen ja selber, dass die Klimafrage Handeln erfordert.“ Nur ist das Handeln teilweise umstritten.
Hofreiter äußerte sich in der Vergangenheit öfter pro neue Trasse. Die Planungen für den Brenner-Nordzulauf sollen demnach auf jeden Fall vorangetrieben werden, damit man bis 2040 überhaupt handlungsfähig sei. Widerstand aus den eigenen Reihen müsste er schon gewohnt sein. „Unverständnis und Ärger“ ob Hofreiters Haltung äußerte beispielsweise der Grünen-Kreisverband schon vor gut zwei Jahren.
Denn die Grünen in der Region bleiben bei der Meinung, dass die Transportkapazitäten der bestehenden Strecke „mehr als verdoppelt“ werden können und damit ausreichend sind. Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke bringe dagegen kaum mehr Kapazitäten, weil sie für langsamere Güterzüge „kaum nutzbar“ sei. Sie befürchten, dass viele Güterzüge auf die Bestandsgleise verdrängt werden und die Bevölkerung nerven. „Die Region hat ja nichts davon“, sagt Verkehrsexperte Lukas.
Die Frage, wie es mit dem Brenner-Nordzulauf weitergeht, wird die Menschen noch viele Jahre beschäftigen. Näher liegt die Bundestagswahl im Herbst 2021. Wird der Fraktionschef seine Parteifreunde in der wichtigen Region Rosenheim unterstützen? Anton Hofreiter könnte trotz seiner Prominenz auf dem Abstellgleis landen – wegen des Brenner-Nordzulaufs. „In Rosenheim wird er sich schwertun“, fürchtet auch Rutz.