Neubeuern – Mit der Wahl von Joe Biden zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten verbinden sich Hoffnungen auf eine Entspannung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Wie gut das Verhältnis sein konnte, belegt eindrucksvoll das Gästebuch von Schloss Neubeuern, mit köstlichen Zeichnungen eines US-amerikanischen Künstlers und Gelehrten. Wiederentdeckt hat sie Reinhard Käsinger, Leiter des Archivs, früher Lehrer für Sport und Geografie an der Internatsschule Schloss Neubeuern.
1894 erstmals zu
Besuch im Schloss
Es sind die Zeichnungen von Joseph Lyndon Smith, der Neubeuern Ende des 19. Jahrhunderts lieb gewonnen hatte. In den malerischen Ort war er 1894 zum ersten Mal gereist, auf Empfehlung eines Freundes. Smith kam an einen besonderen Platz. Im Jahre 1882 hatte Jan Wendelstadt das Schloss gekauft, der großzügige und kunstsinnige Sohn des Gründers des „Darmstädter Bankvereins“.
Das Schloss wurde in den kommenden Jahren zum Mittelpunkt eines illustren Freundeskreises, der (ab 1911) seine intellektuellen Neigungen in einer „Neu- beurer Woche“ pflegen sollte – so etwas wie ein „Salon“ also, nur im großzügigen Rahmen eines Schlosses. Und nicht in einer Metropole, sondern im idyllischen Voralpenland, zu Füßen des Samerbergs.
Smith mochte den Ort, davon kann man ausgehen. 1899 heiratete er Corinna Haven Putnam, die Tochter eines Verlegers, und in ihren Flitterwochen reisten die frisch Vermählten auch nach Neubeuern.
Eine der schönsten Zeichnungen erzählt von dieser Hochzeitsreise, in frischen Farben noch nach 120 Jahren oder 23 US-Präsidenten. Sie zeigt die beiden auf ihrem persönlichen Honeymoon-Vollmond sitzend, im Profil vor einem großen roten Herz. Beide sind in der Mode der Jahrhundertwende gekleidet, er im legeren Anzug, mit Künstlerhut samt Palette und Pinsel im Hutband, sie im roten Kleid und mit blauem Schal, mit einer übergroßen Kopfbedeckung, wie sie zu jener Zeit en vogue war.
Sie ist als attraktive junge Frau abgebildet, gleichmütig nach vorn blickend, er verschmitzt lächelnd. Der Ritt führt über eine vertraute Landschaft: Man erkennt im Hintergrund die Silhouette von Schloss Neubeuern mit seinem markanten mittelalterlichen Bergfried.
Wie sehr es den Amerikanern in Neubeuern gefallen haben muss, sieht man auch an der Zeichnung eines hageren alten Manns, in einem Anzug mit den amerikanischen Farben gekleidet, mit einem Zylinder auf dem Kopf und einem langen weißen Ziegenbart, unverkennbar „Uncle Sam“, eine Symbolfigur für die USA, so wie der Michel für Deutschland.
In dieser Zeichnung ist „Uncle Sam“ so etwas wie ein freundlicher Botschafter der Vereinigten Staaten vor der Kulisse von Neubeuern. Das Spruchband trägt die rätselhaften Worte „A good pig eats everything“: ein gutes Schwein frisst alles. Wohl ein launiger Spruch unter Freunden, vielleicht eine selbstironische Anspielung auf den Appetit, den Smith in der Landluft entwickelte.
Die Zeichnungen seien ihm von Anfang an ins Auge gefallen, erzählt Käsinger. „Ich male und fotografiere selbst, und seine Bildkomposition und der sichere Strich, die Farbgebung sind für das Ende des 19. Jahrhunderts schon ungewöhnlich.“ Smith, in Boston und Paris als Maler ausgebildet, stellte seine künstlerischen Fähigkeiten auch in den Dienst der Wissenschaft. Er und Corinna reisten jeden Winter nach Ägypten, wo Smith die Ausgrabungen und Entdeckungen in den Grabkammern im Tal der Könige in viel beachteten Bildern festhielt.
Bilder aus dem
Tal der Könige
Es war die abenteuerliche, große Zeit der Ausgräber, von denen Howard Carter mit der Entdeckung der Grabkammer von Tutanchamun so etwas wie einen Jahrhundert-Coup landete. Smith dürfte Carter gut gekannt haben. Den Grund für Smiths Ägyptenliebe kennt man in Neubeuern.
Er sei darauf verfallen, als es ihm die Kritik an seinen Porträts zu blöd wurde, hielt die Zeitzeugin und spätere Neubeurer Schlossherrin Marie Therese Miller-Degenfeld (1908 bis 2005) in ihren Erinnerungen fest. „Da, sagte er, beschloss er, Mumien zu malen, die keine kritischen Verwandten mehr hatten.“