Rosenheim/Brannenburg – Anpassungsprobleme hat er keine, das muss man Fabian (7) lassen. Vor allem bei Annelies (8) nicht. Die zwei sind in Rekordzeit dicke Freunde geworden. Dabei ist Fabian erst im Herbst 2019 ins Haus Christophorus gezogen.
Der Bub aus München ist einer von zwei Neulingen – „Newcomer“ sagt man heutzutage – in der Brannenburger „Großfamilie“ mit 13 Kindern und Jugendlichen sowie 28 Erwachsenen. Nur der kleine Patrick (2), seit Oktober 2020 dabei, war noch später dran.
Jeder Tag dreht sich dort um ein großes Ziel: ihnen allen, Fabian und den anderen 40 im Haus, trotz schwerstmehrfacher Beeinträchtigungen und komplexer Krankheiten ein Maximum an Lebensqualität und Förderung zu ermöglichen.
Bei Fabian klappt das auf Anhieb. Das liegt natürlich auch an Annelies, dem Mädchen aus der Katharinagruppe, in die der Bub erst einmal für zwei Wochenenden zum Probewohnen zieht. Die Chemie stimmt vom ersten Moment an, Fabian macht einen ausgeglichenen, zufriedenen Eindruck.
Wenn Eltern an ihre
Grenzen kommen
So ist für Leiterin Alexandra Huber und ihre rund 70 Mitarbeiter im Haus Christophorus schnell klar: Es passt, das Probewohnen ist ausbaufähig. Fabians Eltern hingegen ringen immer noch mit sich. Mutter, Vater, großer Bruder – sie alle lieben ihn, würden den Buben gern daheim behalten, vermissen ihn schon während der „Probezeit“ sehr.
Aber Liebe und Sehnsucht sind nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite stehen Erschöpfung und Leere. Die Familie hat alles versucht, um mit Fabian ein möglichst normales Leben führen zu können, fährt mit ihm in den Urlaub, macht Ausflüge.
Der hohe Pflege- und Betreuungsbedarf bringt die Eltern aber mit den Jahren immer mehr an ihre Grenzen – mental und körperlich. „Die Entscheidung für eine Wohngruppe ist uns nicht leicht gefallen. Aber wir mussten verhindern, dass wir als Familie an der Belastung zerbrechen“, blickt die Mama zurück.
Anfang 2019 beginnt sie mit der Suche nach einer geeigneten Einrichtung für ihren Sohn. Ein schwieriges Unterfangen, denn Fabians Krankengeschichte ist lang und sehr komplex. Er ist als Frühchen zur Welt gekommen – mit schweren, bleibenden Beeinträchtigungen. Fabian kann weder laufen noch sprechen. Seine Sprache ist die Mimik. Geht es ihm gut, lacht er. Passt ihm etwas nicht, weint er – wie ein sieben Jahre alter Säugling eben.
Im Haus Christophorus geht es den Eltern schon bei der ersten Begegnung im Frühjahr 2019 wie später ihrem Sohn: „Wir fühlten uns sofort wohl, alles strahlte Herzlichkeit und Wärme aus.“ Im September wird dann auch noch ein Platz in der Katharinagruppe frei, so wird aus zwei Schnupper-Wochenenden etwas Bleibendes. Weil es Fabian sichtlich gut geht in seinem zweiten Zuhause, kommen auch die Eltern immer besser damit klar. Und er ist ja nicht aus der Welt. Jedes zweite Wochenende holen sie den Buben heim nach München – bis Corona kommt.
Sterile Scheiben statt
warmer Umarmung
Schlagartig verändert Covid-19 den Alltag von Fabian und seiner 40 „Brüder“ und „Schwestern“ im Haus, alle sogenannte Hochrisikopatienten: Die Vorschule in Aschau, die Fabian nach einer vierwöchigen Eingewöhnungszeit in der Katharinagruppe seit Oktober 2019 besucht hat, fällt komplett aus. Jeder Besuch, jeder Ausflug, jede Extratour ist auf einmal mit einer aufwendigen Prozedur verbunden. Und wo es vorher eine warme Umarmung gab, stehen jetzt sterile Kunststoff-Trennscheiben zwischen ihm und seinen Eltern.
Auch wenn Fabian der Körperkontakt fehlt, scheint er das Beste draus zu machen. Auch weil Monika Huber den Schulausfall mit ihrer Antwort auf Corona auffängt: der extra gegründeten „kleinen Fördergruppe“. Dort läuft im CD-Player die Geschichte vom heiligen Sankt Martin, das passende Bild dazu steht auf dem vorweihnachtlich geschmückten Tisch. Fabian hört in seinem Rollstuhl aufmerksam, aber entspannt zu, die Story vom geteilten Mantel gefällt ihm sichtlich.
Der Bub, der per Sonde ernährt werden muss, liebt Hörspiele. Am liebsten genießt er sie zusammen mit seinem Zimmergenossen Daniel (6), im Bett, vorm Einschlafen, beim gedämpften Licht der Nachttischlamperl. Fabian liebt es, draußen in der Natur zu sein. Auch bunte, gemaserte Decken und Stoffe oder kleine Quietsch-Tierchen zum Drücken, Tasten und Spüren hat er für sein Leben gern – und natürlich Annelies.
Wenn es Annelies nicht gut geht, dann geht es Fabian auch schlecht, das ist wie auf Knopfdruck. Und wenn sie schreit, dann schreit er auch. Umgekehrt ist das übrigens genauso. Geteiltes Leid ist halt halbes Leid, auch wenn das unmittelbare Umfeld nicht immer Begeisterung für diesen ohrenbetäubenden Ausdruck einer speziellen Seelenverwandtschaft empfindet. Wie zu Hause, mit „echten“ Geschwistern.
Uneingeschränkte Begeisterung herrscht hingegen über die Großherzigkeit unserer Leserinnen und Leser. So wie der heilige Sankt Martin in Fabians Hörspiel seinen Mantel zerteilt hat, so geben sie für die Buben und Mädchen im Haus Christophorus ihr letztes Hemd. Über 730000 Euro sind bereits zusammengekommen – und hoffentlich ist das Ende des Spendenstroms noch lange nicht erreicht.
Bruder schlachtet
sein Sparschweinderl
Gespendet haben übrigens auch Fabians Eltern und Großeltern. „Wir sind uns sicher, dass wir dieses Corona-Jahr mit Homeschool, Homeoffice und der Betreuung von Fabian zu Hause nicht geschafft hätten“, sagt die Mutter. „Wir sind unendlich dankbar für diese großartige Lösung.“
Und Fabians vier Jahre älterer Bruder? Der hat sogar sein Taschengeld-Schweinderl geschlachtet für die Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“. Wenn Fabian und Annelies das mitbekommen, dann wird es laut im Haus. Dann werden sie weinen vor Glück. Oder schreien, jauchzen. Und nicht mehr aufhören.
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