„Sich auch mal zurücknehmen“

von Redaktion

Interview Jonas Garschhammer setzt sich im Landkreis für die Artenvielfalt ein

Rosenheim – Jonas Garschhammer (31) verdankt seine Stelle dem „Versöhnungsgesetz“, das aus dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ hervorging: Er ist Biodiversitätsberater und damit der neue Beauftragte für Artenvielfalt am Landratsamt Rosenheim. Über das Politische an seinem Job, was jeder Einzelne für die Umwelt tun kann und über die Gefahr auch des Freizeitzirkus‘ für die Umwelt sprachen mit ihm die OVB-Heimatzeitungen.

Was kann Otto Normalverbraucher für Artenvielfalt tun?

Grundsätzlich geht es um ein Gespür für Natur und für Landschaft, und das fängt vor der eigenen Haustür an. Etwa mit der Frage, braucht’s da einen Mähroboter oder lässt man nicht vielleicht auch mal ein bisserl Wiese stehen? Muss man einen Hund im Schutzgebiet frei laufen lassen? Oder mit dem Radl durchs Moor fahren? Man kann sich doch einfach auch zurücknehmen. Wichtig ist auch unser Einkaufsverhalten. Dass man nicht immer nur des Billigste nimmt, dass man auch auf regionale Produkte achtet. Unser Konsumverhalten und die Landwirtschaft hängen zusammen. Es hilft nichts zu jammern und zu schimpfen, dass die Bauern doch mal die Blumenwiese stehen lassen sollen. Man kann auch aktiv das Seine beitragen und vielleicht auch mal einen höheren Preis für regionale Produkte zahlen.

Welches Naturschutzgebiet ist Ihr liebstes?

Meine Großeltern haben in Sachrang gelebt, von daher ist der Geigelstein mein Hausberg – der Blumenberg. Aber da gibt es viele Gebiete. Ich bin in Vogtareuth aufgewachsen und damit natürlich auch in den Innauen, für mich damals ein ganz toller Abenteuer-Spielplatz.

Welche Rolle spielen Biotope und Naturschutzgebiete für die Artenvielfalt? Können die es allein richten?

Ich denke, dass wir die Artenvielfalt in der gesamten Landschaft erhalten müssen, da müssen auch alle ihren Beitrag leisten. Das schließt die Hausgärten ein, aber auch die Agrarlandschaft. Man muss aber auch sagen, dass unsere Naturschutzgebiete und Biotope die wertvollsten Refugien sind, wo die Artenvielfalt am größten ist und damit unsere Verantwortung. Aber mit einem Schutzgebiet allein ist es nicht getan. Das ist gemeinhin so eine Vorstellung, da ist ein drei Meter hoher Zaun, und dahinter ist alles in Ordnung und gut.

Vor welchen Herausforderungen steht die Region?

Es gibt viele Faktoren als Ursachen für den Verlust von Arten. Und da ist der Landkreis Rosenheim nicht auszunehmen. Was hier eine Besonderheit ist, das ist die Lage im Voralpenland, die besonders charakteristisch und schön ist. Wir haben eine besondere Verantwortung, weil wir eine hohe Artenvielfalt mit vielen besonderen Arten haben, allein schon in den Mooren und Seen.

Wie gefährlich ist der Freizeit-Ansturm auf die Berge?

Das muss man gar nicht nur auf die Alpen beziehen. Das gilt allgemein für viele Schutzgebiete, das sagen mir auch viele Jäger und Naturschutzwächter. Der Freizeitdruck erhöht sich. Das ist nachvollziehbar und verständlich. In unserer schönen Landschaft hält man sich gerne auf. Schwierig wird es dann, wenn man in Naturschutzgebieten beispielsweise nicht auf den Wegen bleibt und noch die letzten weißen Flecken auf den Karten entdecken möchte. Viele Arten sind stark störungsanfällig.

Die Leute in den Städten haben eine genaue Vorstellung davon, was die Bauern tun sollten, die Bauern wiederum finden die Städter manchmal ganz schön ignorant. Wie wohl fühlen Sie sich in diesem Spannungsfeld?

Es ist schon eine sehr politische Stelle, weil sie aus diesem Volksbegehren und dem anschließenden Versöhnungsgesetz der Staatsregierung entstanden ist. Es geht bei dieser Stelle ums Vermitteln. Ich seh den Konflikt gar nicht so zugespitzt. Es gab auch viel Unterstützung aus ländlichen Gemeinden für das Volksbegehren. Was ich beobachte, ist, dass das Verständnis für Natur und Landschaft abnimmt, aber da würde ich niemanden ausnehmen. Es gibt schon vereinzelt Landwirte, die nicht mehr wissen, was auf ihren Wiesen wächst. Auf der anderen Seite hat mir ein Landwirt erzählt, wie sich ein Spaziergänger bei ihm darüber beschwert, dass er die Blumenwiese abmäht. Aber gerade die Mahd ist der Grund dafür, dass die Blumenwiese überhaupt entsteht.

Viel Unverständnis auf beiden Seiten…

Man darf da auch nicht blauäugig sein. Wiesen und Äcker sind auch Produktionsflächen, mit der man auch Geld verdienen muss. Auf der anderen Seite darf man fragen, muss man auch noch den letzten Quadratmeter in dem Maße nutzen? Es gibt da ganz schöne Projekte.

Zum Beispiel?

In Soyen, da gibt es Filze, also ein Moorgebiet, da wird entwässert. Da schauen wir gerade, dass wir mit den Eigentümern ins Vertragsnaturschutzprogramm gehen. Es soll extensiver gewirtschaftet werden, also weniger. Der Wasserstand soll nicht so stark sinken. Die Erschwernisse und Produktionsausfälle, die der Landwirt hat, die wollen wir durch Förderprogramme kompensieren.

Wolf und Landwirtschaft – muss das ein Widerspruch sein?

Es ist ein Erfolg, dass Arten, die bei uns schon ausgestorben waren, heute wieder vorkommen. Auf der anderen Seite haben wir auch verlernt, als Gesellschaft, mit solchen Tierarten umzugehen. Das Auftreten dieser Arten stellt uns vor große Herausforderungen, weil die auch einen Schaden verursachen können. Es bedarf da eines überlegten Wildtiermanagements. Ich persönlich finde es schade, wie schnell man sich auf den Wolf konzentriert hat. Unsere Artenvielfalt ist größer, und wir haben das Problem, das Dutzende von Arten kurz vorm Aussterben stehen – so wie die Hochmoorschmetterlinge bei uns.

Interview: Michael Weiser

Biologische Vielfalt im Landkreis Rosenheim erhalten

Jonas Garschhammer ist seit Kurzem, wie berichtet, als Biodiversitätsberater für das Landratsamt Rosenheimer tätig. Seine Aufgabe ist es, gemeinsam mit Eigentümern, Landwirten, Kommunen und Verbänden die biologische Vielfalt im Landkreis Rosenheim zu erhalten und zu verbessern. Das Augenmerk des Biodiversitätsberaters liegt auf der Entwicklung der Schutzgebiete und des Biotopverbundes. Dass es eine Stelle wie diese gibt, hat mit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ zu tun. Daraus resultierte auch das „Versöhnungsgesetz“, welches im August 2019 in Kraft trat. Darin hat sich die Bayerische Staatsregierung verpflichtet, die Naturschutzverwaltungen mit zusätzlichen Fachkräften auszustatten, um den Fokus stärker auf die Biodiversität zu lenken.

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