Endlich dahoam

von Redaktion

OVB-Aktion Wie der kleine Nael ein Brannenburger wurde

Rosenheim/Brannenburg – Der kleine Nael ist schon eine Nummer. Er liebt harte Gitarrenriffs, dunkle Männerstimmen und das Heulen der Martinshörner.

Geschmäcker sind verschieden, Biografien auch. Die anderen zwölf Kinder mit schwerstmehrfachen Beeinträchtigungen haben im Haus Christophorus ein neues, ein zweites Zuhause gefunden – ebenso wie die 28 „Großen“, die inzwischen erwachsen sind. Nael dagegen hatte nie ein Zuhause.

Von Schmerzen
gequält

Heimatlos, verlassen, von Schmerzen gequält: So kam er im März 2017 nach Brannenburg. Niemand sonst im Haus hat eine weitere „Anreise“ oder ein vergleichbares Martyrium hinter sich. Keiner schrie so oft und so laut wie der Flüchtlingsbub aus Syrien im Frühjahr 2017.

Umso erstaunlicher, wie schnell sich alles zum Besseren gewandelt hat. Der kleine Schreihals mausert sich zu einem Kind, das allen ans Herz wächst und zu einem Buben, der sich sichtlich wohlfühlt in seiner neuen Umgebung im Inntal.

Nael ist blind, kann nicht sprechen, aber seine ausdrucksstarken Augen sagen mehr als tausend Worte – ganz besonders bei Hardrock von AC/DC. Dann werden sie ganz groß, gleichzeitig schalten Gesichtszüge und Puls in den Genießermodus.

Kopfhörer für den
Hardrock-Liebhaber

„Hiiiighway to hell, highway to hell“, immer wieder. Der AC/DC-Klassiker ist Naels absoluter Favorit. Nervt der Krach die anderen im Haus nicht? „Keineswegs“, lacht Gabi Gratzl, „wir haben ihm ja Kopfhörer gekauft.“

Die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin hat im Haus Christophorus den engsten Bezug zu Nael. Sie kennt ihn von seinem ersten Tag im Haus an, sie geht mit ihm durch dick und dünn, auch in schweren Krisen wie erst vor wenigen Tagen an Weihnachten (siehe Kasten).

„Ich bin für ihn so etwas wie die Ersatz-Oma“, sagt Gratzl. Und es klingt so, als wäre es umgekehrt genauso. Nael genießt es sichtlich, wenn ihn die Ersatz-Oma auf den Arm nimmt und ihm in den Nacken haucht. Vielleicht ist das noch schöner als AC/DC hören.

Wo Naels Geschichte genau angefangen hat? Das weiß niemand ganz genau. Zur Welt gekommen ist er in einem Flüchtlingslager auf einer griechischen Insel. Ob und was vor, bei und nach der Geburt im März 2017 schief gelaufen ist, lässt sich nicht mehr klären.

Jedenfalls wird das Baby per Flugzeug nach Deutschland gebracht, um sein Leben zu retten. Schwerste Hirnschädigungen, epileptische Anfälle, Ernährung nur per Sonde, Pneumonie-Anfälligkeit – Naels Krankenakte ist lang und komplex. Weil sich kein Platz für den Buben findet, liegt er ein halbes Jahr in einem Kinderkrankenhaus in München. Dann geht im Februar 2018 doch eine Tür auf, im Haus Christophorus.

Inzwischen ist Nael fast vier Jahre. Antibiotika, 24-Stunden-Überwachung der Vitalwerte, Eiweißmangel, Komplikationen mit der Sonde, operative Eingriffe, zeitweise Beatmung: Das alles gehört weiter zu seinem Leben wie die Bergkulisse zu Brannenburg.

Doch allen Einschränkungen und Rückschlägen zum Trotz gilt Nael als großer kleiner Kämpfer. „Er liebt das Leben“, sagen Gratzl und Alexandra Huber nicht ohne Bewunderung. Und wenn die Sonde richtig sitzt, geht es Nael richtig gut. Dann ist Vieles möglich: Kuscheln mit seinen Betreuern, ein Ausflug in den Märchenpark nach Ruhpolding, zu den Pferden auf den Reiterhof. Oder einfach nur raus in den Garten, Sonne, Nähe und Wärme genießen.

Nael ist jetzt dahoam im Inntal. Er ist Brannenburger. So steht es auch im Personalausweis. Für 2021 kann man ihm nur das Beste wünschen: viel AC/DC, dahoam im Haus Christophorus. Und möglichst wenig Martinshorn, im Krankenwagen.

Mit Naels Geschichte beenden wir heute die Reportagenreihe über die Kinder im Haus Christophorus im Rahmen der Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“. Die Spendenkonten bleiben jedoch noch einige Monate bestehen.

Mit den Kindern durch dick und dünn gehen – auch an Weihnachten

Die enge Bindung zwischen Mitarbeiterinnen und Kindern – einer von vielen Faktoren, die das Haus Christophorus so einzigartig machen. Noch eine kleine Weihnachtsgeschichte dazu:

Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2020 hat Nael starkes Fieber. Der Bub ist in einem sehr schlechten Zustand – vermutlich wieder ein Problem mit der Magensonde. Wenn die Sonde verrutscht, kommt nichts dort an, wo es hin soll – Nahrung ebenso wenig wie fiebersenkende Mittel.

Also muss Nael ins Romed-Klinikum Rosenheim. Das operative Neulegen der Sonde ist dort aber nur unter Vollnarkose möglich. Das will man ihm ersparen. Also geht es weiter nach München, in die Haunersche Kinderklinik. Acht Stunden Notaufnahme, Gabi Gratzl weicht nicht von seiner Seite. Operiert wird jedoch erst am nächsten Tag. Gratzl muss den Kleinen schweren Herzens über Nacht „allein“ lassen, ruft ihre Chefin Alexandra Huber an. Huber holt sie mit dem Auto ab. Corona plus Weihnachten: Da ist das Angebot an Zugverbindungen nicht gerade groß. Gegen Mitternacht kommen Gratzl und Huber wieder in Brannenburg an. Am nächsten Morgen fährt Gratzl wieder nach München. Der Eingriff erfolgt am Sonntag um 10 Uhr. Tatsächlich hat die Sonde ein Loch. Verstopft ist sie auch noch. Es kommt zu Komplikationen, die Ärzte geben ihr Bestes. Nael steckt auch diesen Eingriff mit außergewöhnlicher Geduld und Stärke weg. Er vergießt keine Träne, Gratzl hält seine Hand. Nachmittags geht es zurück.

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