Brandgefährliche Kugeln

von Redaktion

Gefahrguttransport auf A93 verunglückt – Spezialisten bergen ab heute

Kiefersfelden – Sie sehen so harmlos aus, die weißen Kügelchen auf der A93 zwischen Oberaudorf und Kiefersfelden. Aber sie sind es nicht. Ihretwegen machte sich Dienstag gegen Mittag eine Gruppe Spezialisten in Ludwigshafen auf den Weg ins Inntal.

Dort waren die Kügelchen nach einem Auffahrunfall aus einem Lkw gekullert. Der Fahrer eines slowakischen Gefahrguttransporters hatte den vor ihm fahrenden Lkw übersehen, wie Thomas Dorsch von der Verkehrspolizeiinspektion (VPI) Raubling mitteilt, und war nahezu ungebremst aufgefahren. „Beide Lkw-Fahrer waren wie durch ein Wunder unverletzt“, teilte Dorsch mit.

23 Tonnen entzündliche
Kügelchen geladen

Problematisch an dem ganzen Einsatz war die Ladung des Slowaken: etwa 23 Tonnen kleine weiße Kügelchen. Aus einem Polymer, das unter anderem auch der Grundstoff für Styropor ist. Aber das Polymer ist noch nicht ausreagiert, wie Kreisbrandrat Richard Schrank erklärt, es gast aus und ist entzündlich. „Eine elektrostatische Ladung wie nach dem Reiben mit einem Luftballon über die Haare reicht schon aus, dass sich der Stoff entzündet“, so der Kreisbrandrat.

Im Einsatz befand sich zunächst ein Großaufgebot von etwa 60 Kräften von Rettungsdienst, der Feuerwehr Rosenheim und den Feuerwehren in den Gemeinden Kiefersfelden und Oberaudorf. Der Verkehr Richtung Kufstein lief nur einspurig an der Unfallstelle vorbei, so Dorsch, Dienstgruppenleiter bei der Verkehrspolizei.

Und er wird das auch am Mittwoch noch lange tun. Denn nachdem klar war, um was es sich bei der Ladung handelt, versuchten der Gefahrguttrupp der Verkehrspolizeiinspektion und Richard Schrank, die Bergung der Ladung zu organisieren. „Wir haben in ganz Bayern herumtelefoniert, aber es gibt keine Firma, die die Ladung bergen und entsorgen kann“, so der Kreisbrandmeister.

Also wandte man sich an den Hersteller der Kügelchen, die Badischen Anilin- und Sodafabriken – besser bekannt als BASF – in Ludwigshafen. Dort machten sich entsprechend ausgebildete und ausgerüstete Mitarbeiter auf den Weg ins Inntal. Schrank erwartete sie am späten Abend.

Bis dahin wird der havarierte Lkw vom THW und der Feuerwehr auf der rechten Fahrspur der A93 gut eingepackt. Denn auf der Ladefläche stehen 22 achteckige Kartonagen mit Spezialfolien, die – so befürchtet Schrank – vermutlich alle beschädigt sind. Damit nicht noch mehr Kügelchen aus dem Lkw entweichen und womöglich weggeweht werden, wird der Lkw eingepackt. Aber so, dass das Gas der Kügelchen noch entweichen kann. „Das tut es bei den aktuellen Temperaturen glücklicherweise nur sehr langsam“, so Schrank. Im Sommer entwiche mehr – und ab 60 Grad wird es brandgefährlich. Dann entzünden sich die Polymerkügelchen. Es wäre, so Schrank, ein schnelles, sehr energiereiches Feuer, aber keine Explosion.

Autobahnmeisterei und
VPI bei Nachtwache

In der Nacht halten laut Schrank die Autobahnmeisterei und die Verkehrspolizei Wache, dass nichts passiert, und sie leiten den Verkehr auf der Inntal-Autobahn langsam auf der linken Spur an dem verunglückten Lkw vorbei.

Mittwochfrüh beginnen dann die Spezialisten aus Ludwigshafen mit der Bergung, „das wird wohl sehr viel Handarbeit sein“, vermutet Schrank. Dementsprechend lange werden die Arbeiten dauern. Und dementsprechend lange wird auch der Verkehr auf der Inntal-Autobahn in Richtung Süden massiv beeinträchtigt sein. Denn nach Kiefersfelden, Kufstein und weiter in den Süden geht es nur ganz vorsichtig und einspurig an einem Haufen weißer Kügelchen vorbei.

Von der ADR-Zulassung bis zur Kennzeichnungspflicht

Beim Transport von sogenanntem Gefahrgut – also Stoffen, Gegenständen und Zubereitungen, von denen beim Transport eine Gefahr ausgehen könnte – muss für das jeweilige Fahrzeug eine sogenannte ADR-Zulassung vorliegen. Diese bescheinigt dem jeweiligen Fahrzeug besondere technische Sicherheitsmerkmale. Das gilt beispielsweise für Fahrzeuge, die explosives Material oder Brennstoffe transportieren. Zudem müssen die Fahrer eine spezielle Schutzausrüstung mitführen, deren Bestandteile vom transportierten Gefahrgut abhängt. Auch die Kennzeichnung am Fahrzeug ist vorgeschrieben, damit bei einem Unfall die Gefahr schnell und zutreffend erkannt wird und die Rettungskräfte die für den Gefahrstoff passenden Maßnahmen ergreifen können.

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