„Das ist fast atemberaubend“

von Redaktion

Interview Bad Feilnbacher Chefarzt spricht über die Corona-Impfungen

Bad Feilnbach – Lässt sich Deutschland zu viel Zeit beim Impfen? Nicht unbedingt, findet Prof. Dr. Peter Young von Medical Park. Der Chefarzt der Reha-Klinik Bad Feilnbach Reithofpark, (Schwerpunkt Neurologie), schätzt Sicherheit vor Tempo. Und sieht auch mit einer Impfung längst nicht alle Probleme gelöst.

Sind die unendlichen Hoffnungen auf die Impfkampagne begründet?

Für mich ist das tatsächlich die Strategie gegen die Pandemie, die uns wirklich weiterbringt. Ich bin davon überzeugt, dass die Impfung uns dorthin bringen kann, dass wir wieder mehr Normalität erleben. Die Impfungen werden aber nur einen Effekt haben, wenn wir wieder eine ausreichende Zahl von Menschen impfen, so um die 70, 80 Prozent. Eine Herdenimmunität per Impfung ist der einzige Weg, die Pandemie zurückzudrängen.

Hätte dann nicht noch schneller noch mehr geimpft werden müssen? Es fehlt offenbar an Nachschub.

Wenn wir überlegen, wo wir vor gut einem Jahr standen, als wir die ersten Berichte erhielten, dann sind wir gigantisch schnell vorangekommen. Ich war lange Zeit in einer Universitätsklinik und habe erlebt, wie lange das Testverfahren bei viel banaleren Wirkstoffen dauert. Und ich bin positiv überrascht, wie schnell wir mit einem völlig neuen Impfverfahren vorangekommen sind. Das ist fast atemberaubend. Ob man früher hätte nachdenken sollen, ob man mehr einkauft? Rückblickend kann man das fragen. Aber wir wussten tatsächlich nicht, wo wir stehen. Logistisch und entwicklungstechnisch holen wir zur Zeit das Beste raus. Übrigens halte ich es für einen ganz wichtigen Punkt, dass wir ein sicheres Präparat haben.

Was ist der Hintergrund der Diskussionen über die Zulassung des neuen Impfstoffs Astrazeneca?

Für Menschen aus der Altersklasse über 60 ist die Datenlage nicht ausreichend. In den Studien sind bislang noch zu wenige Menschen dieser Altersklasse beobachtet worden. Man kann für diese Altersgruppe also nicht sicher sagen, ob die Ausbildung von Immunität in dem Maße erfolgt wie in anderen Altersklassen darunter. Das ist die Gründlichkeit des deutschen Systems, und deswegen hat die ständige Impfkommission zu Recht gesagt, dass sie vorerst keine Zulassung für Menschen aus dieser Altersgruppe erteilt.

Was weiß man überhaupt über die Reaktion bei Älteren auf die Impfung?

Es kann sein, dass die Eigenschaft, Antikörper zu bilden, bei älteren Menschen anders ist als bei jungen oder mittelalten. Dass bei Älteren die Reaktionen auf die Impfung oft nicht so heftig verlaufen, könnte bedeuten, dass sie eine andere Immunantwort geben. Das deutsche System ist sehr sicher, deswegen begrüße ich diese Einschränkungen. In Deutschland hat man ohnehin alle Ressourcen zusammengezogen, um die Schnelligkeit nicht zu Lasten der Sicherheit gehen zu lassen.

Russland bietet 100 Millionen Dosen an. Das Mittel heißt Sputnik. Sollten wir zugreifen?

Ich kann nichts dazu sagen. Wir sollten viel Wert darauf legen, dass die Stoffe, die wir anwenden, mit der Sorgfalt geprüft wurden wie andere auch. Deutschland ist mit Thema Sicherheit bislang bei wenigen Ausnahmen sehr gut gefahren. Sollte der Wirkstoff aus Russland diesen Ansprüchen zu entsprechen, habe ich nichts dagegen, ihn zu verwenden. Aber vorher sollte man das nicht tun. Ja, wir haben eine große Not. Aber schlimmer noch wäre es, wenn wir nach dieser großen Not ein noch größeres Problem hätten, weil wir uns um so viele Impfschäden kümmern müssen.

Viele Menschen fürchten auch bei Biontech/Pfizer Nebenwirkungen. Was entgegnen Sie?

Es gibt nur zwei Wege, Corona zu besiegen. Zum einen absolute Isolation. Das funktioniert aber nicht. Es gibt nicht den absoluten Schutz durch Sicherheits- und Hygienemaßnahmen. Zum andern die Impfung. Die Furcht vor Impfungen basiert auf Einzelfällen. Auch bei anderen als sicher geltenden Impfung kann es Komplikationen geben, einen Impfschaden auf eine Million Geimpfter. Man kann Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen, und bei Impfstoffen wie Moderna und Biontech/Pfizer überwiegt der Nutzen deutlich. Eine kurzfristige Reaktion ist allerdings nicht auszuschließen. Die Zahlen sind unter vier Prozent. Wer sich schon gegen Grippe hat impfen lassen, kennt vielleicht Gliederschmerzen oder Kopfschmerzen, die an Grippe erinnern. So was kann sich einstellen, gerade bei der zweiten Impfung, davor muss man aber keine Angst haben. Wenn wir ausreichend viele Geimpfte haben, kann sich das Virus nicht mehr ausbreiten und auch keine Mutationen entwickeln.

Gehen Sie mit gutem Beispiel voran?

Wir hatten hier in Bad Feilnbach vor zwei Wochen genau unsere erste Impfung. Wir haben hier Menschen mit schweren neurologischen Erkrankungen. Um diese Menschen zu schützen, habe ich plädiert, dass sich alle impfen lassen. Ich habe es gut vertragen, das erleichtert mir auch die Arbeit, das Gefühl, dass ich geschützt bin. In Kürze kommt die zweite Impfung. Wir begleiten das, mit einem Fragebogen, zu Impfreaktionen, damit wir hier unsere Mitarbeiter, die noch nicht geimpft werden konnten oder zögerlich sind, offen und transparent informieren können.

Was weiß man mittlerweile noch von dem Wirkstoff? Bewirkt er auch, dass man andere nicht mehr anstecken kann?

Wir wissen im Augenblick, dass wir mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer 98-prozentigen Schutz haben. Das heißt, 98 Prozent der Geimpften in den Studien haben keine Covid-19-Erkrankung mehr ausgebildet. Es gibt leider eine Unsicherheit, ob man danach noch eine gewisse Infektiosität ausbildet. In ein, zwei Monaten werden wir eine große Anzahl von Menschen haben, die geimpft wurden, dann werden wir auch genauer wissen, wie viel Rest-Virus zu finden ist.

Lassen sich die Kapazitäten steigern?

Definitiv. Es wird immer mehr Impfstoffe geben. Und ich denke mir, so wie Deutschland organisiert ist, und wenn alle auch das Ziel verfolgen, werden wir die Impfstrategie auch gut hinbekommen. Im Landkreis Rosenheim und bei den Nachbarlandkreisen erlebe ich die Kommunikation und Zusammenarbeit als extrem gut. Vielleicht bin ich deswegen so zuversichtlich.

Sollten Vorrechte mit dem Impfnachweis einhergehen?

Wenn wir wissenschaftlich fundiert wissen, wie stark Menschen noch infektiös sein können, die geimpft sind, und sollte diese Infektiosität sehr gering sein, dann sollte man über so etwas laut diskutieren. Aber das sollte man auch erst dann tun. Denn wenn ich mich in der Sicherheit des Impfschutzes wähne, dann verfolge ich Hygiene und Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr so akribisch, als wenn ich mich selber schützen möchte. Das ist eine sehr menschliche Verhaltensweise. Das halte ich für eine Gefahr. Erst wenn wir wissenschaftlich untermauerte Erkenntnisse besitzen, dass Geimpfte zu 99 Prozent keine Infektiosität ausbilden, kann ich entscheiden, dass Geimpfte in gewisse Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr eingeschlossen sein müssen, etwa bei der Mobilität. Ich habe schon gehört, dass es den Begriff des Impfneids gibt.

Den könnte zum Beispiel ich entwickeln, weil ich absehbar erst spät drankomme.

Wir Deutschen sind immer in unseren Strukturen so eng verhaftet. Es ist noch nicht ganz vorherzusehen, wie sich das Impfverhalten entwickeln wird. Immer wieder können Registrierte nicht erscheinen. Und ich finde es am allerschlimmsten, wenn aus organisatorischen Gründen Impfdosen nicht verimpft werden können. Auch jüngeren Menschen rate ich daher, sich bei den Impfzentren registrieren zu lassen – für den Fall, dass sie „einspringen“ können.

Interview: Michael Weiser

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