Rosenheim – Es herrscht gelinde gesagt Verwirrung an der deutsch-österreichischen Grenze. Die seit der Nacht auf Sonntag geltenden Regeln für den Grenzübertritt nach Deutschland sorgen gerade bei Pendlern inzwischen für haufenweise Ärger. Und für mitunter absurde Situationen für Pendler, inzwischen aber auch für Schüler.
Eine OVB-Leserin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, schildert, dass sie darum bangen musste, ihren vierjährigen Enkel nicht vom Kindergarten Niederndorf auf Tiroler Seite abholen zu dürfen. Beim Grenzübergang Oberaudorf in Richtung Niederndorf habe sie von der dortigen Grenzpolizei die Auskunft erhalten, sie könne mit einem negativen Corona-Test nicht älter als 48 Stunden zurück nach Deutschland einreisen, ohne sich anschließend in Quarantäne begeben zu müssen. Umso überraschter war sie über eine E-Mail des hiesigen Gesundheitsamts. In dieser forderte die Behörde sie auf, sich zehn Tage in Quarantäne zu begeben – entgegen der vermeintlichen Auskunft der Grenzbeamten.
Automatisierte
E-Mails verschickt
Diese Beobachtung kann das Polizeipräsidium Oberbayern Süd nicht nachvollziehen. Die Landespolizei nimmt einen Teil der Grenzkontrollen wahr. Dort ist man sich sicher, die Kollegen an besagtem Grenzübergang seien bestens geschult, was die Einreisebestimmungen angeht. Möglicherweise handle es sich um ein Missverständnis, wie ein Präsidiumssprecher vermutet.
Auch für die E-Mail gibt es eine Erklärung: Deren Versand erfolge automatisiert über eine Software des Bundes, wie das Rosenheimer Landratsamt auf Anfrage schildert. In diesem Schreiben sei jedoch eines vermerkt: die Möglichkeit der Empfänger, sich von der Quarantänepflicht zu befreien, indem sie der Behörde die Voraussetzungen hierfür nachweisen.
Und dieser Personenkreis ist nicht mal sonderlich auserlesen: Gemäß der Bayerischen Einreise-Quarantäneverordnung (EQV), auf der die geltenden Regeln fußen, gehören auch Personen dazu, die sich weniger als 72Stunden in einem Riskogebiet aufgehalten haben und Verwandte ersten oder zweiten Grades besuchen. Damit könnten auch Großeltern ihre Enkel problemlos aus der Kita auf der Tiroler Seite zurück nach Deutschland holen, ohne sich in Quarantäne begeben zu müssen. Zu besagtem Kreis gehören auch Personen, „deren Tätigkeit für die Aufrechterhaltung des Gesundheitswesens sowie für die Pflege und Betreuung Pflegebedürftiger und von Menschen mit Behinderung dringend erforderlich und unabdingbar ist“, sprich: Pflegekräfte. Doch auch hier hakt es offenbar noch an der ein oder anderen Stelle, wie beispielsweise Angelika Resch berichtet.
Sie arbeitet als stellvertretende Pflegedienstleiterin bei einem ambulanten Pflegedienst in Oberaudorf und schildert einen bürokratischen Wahnsinn, den sie, vor allem aber ihre Mitarbeiter inzwischen zu stemmen hätten. An der Grenze habedies noch am Wochenanfang für Verwirrung gesorgt.
Einige dürfen
passieren, andere nicht
Einige ihrer Mitarbeiter hätten die Grenze nach Deutschland passieren können, anderen habe man die Einreise verweigert. Und die besagte automatische E-Mail an die Pflegekräfte habe die Situation nicht ungedingt erleichtert. Zwar habe Resch für alle ihre Mitabeiter die notwendigen Bescheinigungen bekommen, doch bis dahin sei es ein weiter Weg gewesen. „Es gab keine Rückmeldung, wie lange es dauert“, klagt sie. Sie habe den halben Tag in telefonischen Warteschleifen verbracht. Sie zeichnet für sechs Pendler aus Tirol verantwortlich, die bei ihrem Pflegedienst beschäftigt sind. Und die müssten inzwischen ordnerweise Unterlagen mit sich führen, um die Grenze tatsächlich passieren zu dürfen. Hinzu kommen die geforderten Corona-Tests alle zwei Tage und die längere Fahrtzeit durch die Grenzkontrollen. „Wir sind am Limit“, sagt Resch von sich und ihren Kollegen.
Langer Weg
nach Hause
Auch Alexandra Huber vom Haus Christopherus in Brannenburg wird „langsam müde“ von der zunehmenden Bürokratie, mit der auch die Leiterin der Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche in Corona-Zeiten kämpfen muss. Auch sie berichtet von einer Kollegin aus Tirol, die nach ihrer Anmeldung zur Einreise nach Deutschland auf elektronischem Wege Post vom Rosenheimer Landratsamt bekam – mit der Aufforderung sich in häusliche Quarantäne zu begeben. Die Option, dieser Quarantäne zu entgehen, sei eher im „Kleingedruckten“ zu finden gewesen. Die Wartezeiten an den Grenzübergängen täten ihr Übriges, um ihren Mitarbeitern die Freude zu vergällen.
Jenseits der Pflegekräfte sind Berufspendler nach Tirol einigermaßen mit den Nerven am Ende: Auch, weil die Befürchtung besteht, am Ende in Österreich unter Quarantäne zu stehen und nicht mehr ins Heimatland Deutschland zurückkehren zu dürfen.
Für Schüler gestaltet sich die derzeitige Situation ebenso schwierig. Oberaudorfs Bürgermeister Matthias Bernhardt hat sich inzwischen in einem offenen Brief an Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Kultusminister Michael Piazolo gewandt. Für sich und seinen Kiefersfeldener Amtskollegen Hajo Gruber moniert er, dass 80Schüler der Gemeinden nicht zum Gymnasium Kufstein durchgelassen würden. „Für diese Schüler steht momentan de fakto der erfolgreiche Abschluss ihrer Schulkarriere auf dem Spiel“, mahnt er. Noch am Montag teilte die Bundespolizei mit, dass die Aus- und Einreise für Schüler möglich sei. Tatsächlich sieht
die Einreise-Quarantäneverordnung in ihrer derzeitigen Form keine Ausnahmen für Schüler vor, wie inzwischen auch die Bundespolizei bestätigt. Das bedeutet auch für den 19-jährigen Nicolas Süs aus Niederndorf: Sein Abitur steht womöglich auf der Kippe. Er besucht die Berufliche Oberschule in Wasserburg, kann aber derzeit nicht nach Deutschland einreisen, um die nötigen Prüfungen für die Abiturzulassung ablegen zu können.