Rosenheim/Kufstein – Die Grenzregion zwischen dem Tiroler Unterland und Bayern bildet seit vielen Jahren eine Euregio-Region, wirtschaftliche Verbindungen werden täglich gelebt und gepflegt. Was jedoch derzeit politisch abläuft, bereitet Unternehmern und Menschen beidseits der Grenzen größte Sorgen. „Wir fordern von der Politik mehr Empathie der Wirtschaft gegenüber“, so Manfred Hautz, Obmann der Wirtschaftskammer (WK) Kufstein.
Bei einem Pressegespräch schilderten Unternehmer ihre Probleme. Georg Dettendorfer, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern und selbst Speditions- und Frachtunternehmer: „Die Bürokratie ist mittlerweile unüberwindbar.“ Um alle Regeln einhalten zu können, müsse man 47 Seiten an Vorschriften täglich durcharbeiten. Mitarbeiter und Fahrer seien am Verzweifeln. Die langen Wartezeiten an Grenzen und an Teststationen würden die Güterbeförderung unberechenbar machen. Lieferketten könnten nicht mehr eingehalten werden, manche Produktion müsse eingeschränkt oder ausgesetzt werden aufgrund fehlender Rohstoffe aus Italien. „Wir machen teilweise Umwege über die Schweiz oder über Tarvis“, so der Unternehmer. Durch Testungen und Bürokratie entstünden Kosten, die nicht weiterverrechnet werden können. Dettendorfer befürchtet, dass etliche Transportunternehmen schließen werden.
Von bayerischer Seite wurden Tests zwar innerhalb kürzester Zeit verlangt, es gab aber keine Infrastruktur dafür. „Das alles zieht einen Rattenschwanz nach sich, von dem die Politiker keine Vorstellung haben“, kritisiert er und fordert die sofortige Aufhebung der Grenzkontrollen oder zumindest die Wiederherstellung des Grenzregimes wie vor dem 14. Februar. Auch der Abbau bürokratischer Hürden und die Einrichtung zentraler Melderegister seien sofort in Angriff zu nehmen. In der Firma Halton Foodservice GmbH in Reit im Winkl arbeiten 70 Mitarbeiter aus Tirol. Durch gute Kontakte zu den Landratsämtern wurde der Betrieb als systemrelevant eingestuft und damit die Einreise der Mitarbeiter möglich. „Es beschäftigen sich mittlerweile zwei Mitarbeiterinnen in der Firma ganztägig mit der Abwicklung der Grenzübertritts- und Testbürokratie“, so Geschäftsführer Heinz Ritzer, der auch die gesellschaftliche Spaltung der Belegschaft in der Firma in getestete Tiroler und ungetestete Bayern bemerkt.
Wolfgang Engl hat sein Kran- und Spezialtiefbauunternehmen in Schwoich, 50 Prozent seines Umsatzes macht er in Bayern. Über mehrere Tage seien sie nicht mehr zu ihren Baustellen und Lagerplätzen in Bayern gekommen. „Der wirtschaftliche Schaden für meine Firma bewegt sich pro Tag in einem fünfstelligen Euro-Bereich,“ berichtet Engl. Er sieht die Willkür an der Grenze als sehr problematisch. Laut Professor Walter Mayr, Präsident der Euregio Inntal, pendeln 6000 Arbeitnehmer täglich nach Bayern. Es sei wichtig, einen Grenzbezirk zu definieren, in dem man sich frei bewegen kann.