Alle unter einem Dach

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

Auf dem Weg zu einem Trauergespräch stehe ich vor einem Hochhaus und stelle erschrocken fest, dass dort 56 Parteien wohnen. Als Adresse habe ich nur diese Hausnummer und kein Stockwerk bekommen. Jetzt studiere ich die lange Reihe der Namen auf den Klingelschildern. Ob es 56 Familien, Paare oder alleinstehende Frauen oder Männer sind, die hier wohnen, kann ich der bloßen Angabe des Nachnamens nicht entnehmen. Alle leben hier mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten unter einem Dach und teilen sich eine gemeinsame Eingangstüre, durch die sie ihr gemeinsames Haus betreten.

Nachdem ich endlich den von mir gesuchten Namen gefunden habe, frage ich mich auf dem Weg in eines der oberen Stockwerke, wie viel die Bewohner hinter ihren geschlossenen Wohnungstüren hier voneinander wissen, wie viel Freude, Leid und gemeinsames Leben sie miteinander teilen. Schließlich bin ich auf den Weg zu einer Wohnung, in der die Mutter der Familie verstorben ist. Wie viele der anderen Bewohner das wohl überhaupt mitbekommen haben und daran Anteil nehmen? Eine alleinstehende alte Dame hat mir vor Kurzem erzählt, dass seit Beginn der Corona-Pandemie immer wieder einmal die jüngeren Bewohner des Hauses bei ihr läuten, um zu fragen, ob sie ihr vom Einkaufen etwas mitbringen sollen. Das sei vorher nicht so gewesen, und sie finde es schön, gerade jetzt in der Zeit der Kontaktbeschränkung auf einmal die Leute aus dem eigenen Haus kennenzulernen. Man schaue jetzt wieder mehr aufeinander, meint sie. Es gibt auch menschliche Lichtblicke in diesen Zeiten.

Die Kolumnen von Hannelore Maurer sind nun als Buch erschienen. „Ein Jahr zwischen Himmel und Erde“ ist erhältlich in allen Geschäftsstellen der OVB-Heimatzeitungen.

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