Rosenheim – Übers Wochenende schnellte die 7-Tage-Inzidenz in Rosenheim auf über 200, die Stadt hat daher die Corona-Regeln verschärft. Dennoch will sich die Diskussion über Lockerungen und den Sinn der Inzidenzzahl nicht mehr legen. Mit Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März (CSU) sprachen die OVB-Heimatzeitungen über lokale Risikogebiete, das Timing von Lockerungsforderungen und neue Strategien im Kampf gegen Corona.
Am Montag wird klar, dass die Stadt Rosenheim mit ihrem Inzidenzwert erneut über 200 gesprungen ist. Am Abend desselben Tages wird bekannt, dass Rosenheim als einzige Stadt Bayerns um eine Lockerung der Regeln gebeten hat. Wie passt das zusammen?
Wir haben zu einer Zeit nachgefragt, als unsere Inzidenz bei 118 lag (am Dienstag, 9. März, Anm. der Red.). Das Ansinnen war, dass wir als eigenständige Kreisverwaltungsbehörde eine Stadt mit 64 000 Einwohnern haben, da ist der Messwert total empfindlich. Wenn wir sechs Fälle mehr haben, dann steigt unsere Inzidenz um zehn Punkte. Klar, mit sechs Fällen weniger würde sie auch um zehn fallen. Aber wenn man nur die Inzidenzzahl anschaut, dann haben wir eine Woche Distanzunterricht, dann wieder eine Woche Präsenzunterricht, eine Woche Click & Meet, dann wieder Click & Collect. Fragwürdig ist auch, dass die Inzidenzzahl die enge Verflechtung zwischen Stadt und Landkreis nicht bedenkt.
Irgendwo muss der Gesetzgeber wohl eine Grenze ziehen.
Wir fragten nach einem atmenden Deckel zwischen 100 und 130, damit wir nicht das Hin- und Herspringen haben. Das kann man sich auch wie eine Verkehrsampel vorstellen. Bei Grün fahren Sie durch, wenn es Gelb ist, können Sie noch drüber – wenn Sie nah genug dran sind. Die 30 Punkte zwischen 100 und 130, das wäre unsere Gelbphase. Weil wir zur Planungssicherheit wenigstens eine Woche Vorlauf bauchen.
Dass die Stadt Rosenheim immer wieder „Hotspot“ genannt wird, schmerzt Sie ebenso wie Bürger und Geschäftstreibende. Was sind die konkreten Gründe für die ständigen „Hotspot“-Zahlen? Andere Städte in vergleichbarer Größe wie Kempten oder Bamberg bleiben deutlich drunter.
Man muss hinterfragen, wie viel in diesen Städten getestet wird. Wo viel getestet wird, hat man viele positive Fälle. Wir testen im Schnitt 1000 Menschen am Tag. Ich weiß nicht, wie die Aufteilung zwischen Land und Stadt ist, aber wenn wir nur noch die Hälfte testen könnten, dann hätten wir wahrscheinlich nur noch die halbe Inzidenz. Nehmen Sie Regensburg. Es hat auch eine deutlich höhere Inzidenz als der Landkreis. Das gilt auch für andere Städte.
Aber warum sind nun in Rosenheim die Zahlen jüngst so heftig gestiegen?
Es hat unter anderem mit der Mutation zu tun, mehr als die Hälfte der Infektionen gehen auf sie zurück. Die ist deutlich ansteckender, wenn auch nicht zwingend gefährlicher. Es hat auch damit zu tun, dass wir nun Selbsttests haben. Viele von den positiv Getesteten sind jung und hatten keine Symptome, sie wären früher nicht in die Statistik eingegangen.
Gibt es in Rosenheim Risikogebiete? Zuletzt war viel davon zu lesen, welch wichtige Rolle das soziale Umfeld, Bildung und Wohnsituation bei der Ausbreitung der Pandemie spielen.
Zum Bildungsstand gibt es bei uns keine Auswertungen. Drei Viertel der Neuinfektionen kommen aus dem privaten Umfeld. Der Rest verteilt sich auf Arbeitsplatz und – in geringem Maße – Kitas.
Dennoch: Wo in Rosenheim ist das Risiko besonders groß?
Wir haben nicht festgestellt, dass bestimmte Stadtviertel stärker betroffen sind als andere. Ob etwa die Innenstadt stärker betroffen ist als Stadtteile an den Rändern. Wir haben auch keine Schwerpunkte in Gemeinschaftsunterkünften für Asylbewerber. Es passiert überall ein bisschen. Eine Inzidenz von 200 bedeutet 140 Positivtestungen in der Woche, 20 pro Tag. Bei 64000 Einwohnern sind das wenige, doch weil Sie die Wohnumstände ansprechen: Wir sind die am fünftdichtesten besiedelte kreisfreie Stadt in Bayern. Das kann ein Grund sein, warum es in anderen Städten anders aussieht.
Was wird konkret von- seiten der Stadt unternommen, um das Infektionsgeschehen einzudämmen? Wären mehr Kontrollen der Polizei ein Mittel?
Kontrollen halte ich für kontraproduktiv. Der Anstieg ist auch dadurch provoziert, dass wir das öffentliche Leben total eingeschränkt haben. Der Mensch lebt vom Miteinander, vom Austausch. Wenn ich die Menschen ins Privatleben dränge, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn sich der höchste Anteil der Infektionen im privaten Bereich abspielt. Lieber Öffnungen als Partys im stillen Kämmerlein.
Kämmerleinpartys also. Ist das ein Verdacht von Ihnen, oder eigene Beobachtung?
Man liest doch auch in der Zeitung, dass immer wieder die Polizei gerufen wird, zu einer Party mit acht Haushalten hier, oder mit 50 Personen dort. Ich glaube, dass das menschlich ist. Natürlich sollte es nicht sein. Aber so was werden wir nicht verhindern können.
An Sie werden immer wieder Klagen aus der Wirtschaft herangetragen, es erreichen Sie auch viele Anfragen von Menschen, die um ihre Gesundheit fürchten. Wie halten Sie die Balance zwischen den Nöten beider Seiten?
Die Balance bekommen wir ganz einfach hin. Der Impffortschritt arbeitet für uns, wenn wir davon ausgehen, dass die versprochenen Mengen kommen. Die Menschen können sich aber auch gut selber schützen. Die Menschen in Rosenheim sind verantwortungsbewusst. Wenn Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden, kann es auch in Kultur und Sport klappen. Diese unsägliche Inzidenz war dafür gedacht, Maßnahmen zu ergreifen, dass wir einer Überlastung des Gesundheitssystems vorbeugen. Die allermeisten schweren Verläufe und Todesfälle waren bei den über 80-Jährigen mit Vorerkrankung zu beobachten. Jetzt ist praktisch die Hälfte geimpft.
Wären Sie dafür, eine Inzidenzzahl erst für über 60-Jährige auszuweisen?
Wenn Sie eine Inzidenz von 200 bei einer Bevölkerung mit einem Schnitt von 42 Jahren haben, dann haben Sie trotz einer hohen Ansteckungszahl kaum schwere Verläufe, kaum Klinikaufenthalte, noch weniger Menschen auf der Intensivstation. Man kann die Inzidenzzahlen diverser Altersgruppen also wirklich beobachten. Über 80-Jährige machen nur 0,1 Prozent der Neuinfektionen aus. Öffnungsschritte dürfen aber nicht nur an dieser Inzidenzzahl hängen, sie sollten auch an den Impffortschritt gebunden sein. Und die Lage an den Kliniken muss beobachtet werden.
Rosenheim forderte als einzige Kommune im Freistaat Lockerungen. Hätten Sie nicht die Abstimmung mit anderen suchen müssen?
Entweder sind meine Gründe plausibel, oder sie sind es nicht. Da hilft es nicht, wenn wir uns zusammenrotten. Nur mit Appellen mit Bitten und Betteln schaffen wir es nicht mehr, bei den Menschen um ein Verständnis zu werben. Die sind mut- und perspektivlos. Es ist an der Zeit, unseren Kurs in der Pandemie zu überdenken, weil sich die Parameter mit Impfstoff und mit Testen und Schnelltests verändert haben. Auch wenn es dann eine Absage gibt, habe ich zumindest erreicht, dass es eine breitere Diskussion gibt.
Apropos Sonderweg: Was halten Sie von Tübingens Plan? Mit Tests, Tests und nochmals Tests die Grundlage für eine baldige Öffnung sogar der Gastronomie zu legen?
Ein interessanter Aspekt. Jede Gelegenheit, anders mit der Pandemie umzugehen, ist prinzipiell zu begrüßen. Es wird sich allerdings noch rausstellen, ob bei den Menschen die Akzeptanz für tagesaktuelle Negativtests da ist. Und ob eine ausreichende Menge an Tests überhaupt vorhanden ist.
Interview: Michael Weiser