Rosenheim – In nahezu allen Kommunen des Landkreises wurde in den Sitzungen der Stadt- und Gemeinderäte in den vergangenen Wochen ein Thema diskutiert: Wie umgehen mit der neuen Bayerischen Bauordnung, die eine deutliche höhere Verdichtung ermöglicht? Mitziehen oder durch eigene Satzungen einschränken? Das Thema berührt aber nicht nur nachbarschaftliche Verhältnisse, es hat auch ganz handfeste Auswirkungen auf den Wasserhaushalt, wie Paul Geisenhofer, Leiter des Rosenheimer Wasserwirtschaftsamtes, im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen erklärte.
Jüngst war Welttag des Wassers. Vor diesem Hintergrund an Sie als Wasserwirtschaftsingenieur die Frage: Wie sehen Sie das Flächensparen, also die zunehmende Verdichtung in unseren Wohngebieten und Gewerbeflächen?
Die Diskussion ist wirklich recht emotional. Dabei können Flächen eigentlich nicht „gespart“ werden, sie können nur schlecht oder gut, sprich nachhaltig oder nicht genutzt werden.
Nachhaltige Nutzung – was bedeutet das fürs Wasser?
Wenn Flächen bebaut werden, sollte der natürliche Wasserhaushalt möglichst wenig verändert werden. Das wäre die Basis, um mit der Zukunft zurechtzukommen: Der Klimawandel wird uns mehr Hitze und Starkregen bescheren, das sind zwei Entwicklungen, die nicht mehr zu stoppen sind. Man kann nur versuchen, sich an sie anzupassen.
Was heißt „anpassen“ genauer?
Anpassung ist in vielen Bereichen gefordert, aber bei der Auswahl von Maßnahmen wird schnell klar, dass dabei der Wasserhaushalt von herausragender Bedeutung ist. Regenwasser, das zurückgehalten wird, um zu verdunsten oder zu versickern, schafft in Siedlungsgebieten im Sommer angenehme Kühle, hält schattenspendende Pflanzen am Leben, speist das Grundwasser und entlastet Kanalisation und Gewässer.
Zurückhalten, verdunsten, versickern. Wie soll das gehen? Die Grundstücke sind teuer.
Ja, ein Mindestmaß an Platz braucht es. Wo sollen sonst schattenspendende Bäume wachsen, wo Sickermulden angelegt werden, wenn die Zwischenräume zwischen den Häusern komplett mit Tiefgaragen unterkellert sind? Trotzdem: Letztlich muss das Ziel sein, Abfluss, Verdunstung und Versickerung gegenüber dem unbebauten Ausgangszustand – sozusagen der grünen Wiese – nicht schädlich zu verändern.
Ist das nicht utopisch?
Nein, das kann schon gelingen, wenn man alle Möglichkeiten konsequent nutzt: Zum Beispiel durch Dach- und Fassadenbegrünungen, die gleichzeitig als Bienenweide dienen. Dachbegrünung „kostet“ nicht mal zusätzliche Flächen. Es wäre aber auf Hunderten von Hektaren nicht nur dem Abflussgeschehen die Spitze genommen, es würden auch Lebensräume für Insekten geschaffen. In Gewerbegebieten sollte man Dachbegrünungen deshalb verbindlich vorschreiben und selbst bei Wohnhäusern sollten sie kein Tabu sein.
Man muss sich nur einmal klarmachen: die „oberbayerische“ Dachneigung von 23 Grad entspricht auf der Skipiste einer schwarzen Abfahrt. Man sollte den Wasserabfluss schon bremsen, bevor er Probleme macht. Dazu käme dann der Wasserrückhalt in Mulden, die gleichzeitig als Feuchtbiotope oder der Erholung dienen und dabei Starkregen aufnehmen können, Bepflanzungen, die die Verdunstung erhöhen und die Gebäude beschatten, durchlässige Beläge zur Entlastung der Kanalisation und Zisternen zur Bewässerung der Pflanzen in heißen Sommern. Nachhaltige, also gut geplante Verdichtung ist gefragt, nicht Verdichtung um jeden Preis.
Alles viel zu teuer, werden an dieser Stelle viele einwenden.
Ja, es werden vermutlich ein paar Quadratmeter weniger Wohnraum entstehen, aber grundsätzlich muss klimaangepasstes „blau-grünes Bauen“ nicht teurer sein. Insbesondere beim Neubau oder bei ohnehin anstehenden Stadtumbaumaßnahmen können sich sogar Einsparungen ergeben. Zum Beispiel durch Wegfall von Regenwasserkanälen, eingesparten Niederschlagswassergebühren, geringeren Heiz- und Kühlkosten, Einsparungen bei der Grünflächenbewässerung und so weiter. Dazu kommt, dass immense Schäden bei Starkregen vermieden werden können. Und nicht zu vergessen, die Vorteile, die sich nicht in Geld aufwiegen lassen: mehr Lebensqualität, Gesundheit und Artenvielfalt.
Wie kommt man dahin?
Meiner Meinung nach wäre es wichtig, dass sich bei jeder Planung alle Beteiligten, Architekten, Tiefbau- und Wasserwirtschaftsingenieure, Stadt- und Landschaftsplaner möglichst früh zusammensetzen. Und die Kommunen sollten deutlich machen, dass ihnen eine solche ganzheitliche Planung wichtig ist. Im Vorfeld sind Maßnahmen nämlich oft noch ganz einfach zu ergreifen, gerade auch bei der Erstellung von Bebauungsplänen. Meiner Einschätzung nach hängt es wirklich daran, dass die Fachleute immer noch zu sehr an ihrem jeweils eigenen Ding werkeln, anstatt ihre jeweiligen Kompetenzen zu bündeln.
Was kann Ihr Amt dazu beitragen?
Wir stehen den Gemeinden beratend zur Verfügung, haben aufgrund der Aktualität des Themas Starkregen auch Fortbildungen für Bauamtsleiter wie auch für Architekten angeboten. Jüngst ist zudem der Leitfaden „Wassersensible Siedlungsentwicklung“ erschienen, der auch für den einzelnen Bauherren viele Anregungen enthält.
Interview: Johannes Thomae