„Natürlich sind wir stolz“

von Redaktion

Neue Heimat: Wie Rauscheckers den Impf-Erfolg der USA erleben

Stephanskirchen/Poolesville – 1990 war ein bemerkenswertes Jahr. Der Ostblock war implodiert, Deutschland wurde Fußballweltmeister. Und die USA waren noch etwas größer als sonst: die überlebende Supermacht, Gewinner des Kalten Krieges, am Beginn eines Wirtschaftsaufschwungs. Es waren die Vereinigten Staaten, in die Uta und Josef Rauschecker einwanderten.

2021 ist wieder ein bemerkenswertes Jahr. Corona hat die Welt noch immer im Griff, Deutschland ist sicher nicht Weltmeister und die USA sind wieder groß. Jedenfalls in den Augen Rauscheckers und vieler Landsleute. „Die USA sind gerade wieder so, wie wir sie damals in den 90er-Jahren kennengelernt haben“, sagt Uta Rauschecker (70) am Telefon ihres Hauses in Poolesville, Maryland, etwas weniger als eine Autostunde nordwestlich von Washington, DC. „Natürlich sind wir stolz.“

Stolz auf Erfolg
der Impfkampagne

Das liegt am Impfen. Es läuft gut am Hauptwohnsitz des Ehepaars Rauschecker, den USA. Und das wäre für die beiden und ihre Familie an sich ein Grund zur reinen Freude. Wäre da nicht die zweite Heimat der Rauscheckers: die Region Rosenheim. Dort läuft es nicht wirklich gut, so wie im Rest von Deutschland.

„Wir halten engen Kontakt zu unseren Freunden in Rosenheim“, sagt Uta Rauschecker, die ihren Mann Josef tatsächlich dort kennenlernte: als Schülerin am Ignaz-Günther-Gymnasium. Sie haben ihr Haus am Schloßberg behalten, sie sind daher immer mal wieder in Stephanskirchen oder Rosenheim anzutreffen. „Mein Mann pflegt noch immer seine Schafkopfrunde – seit dem Abitur“, sagt sie. Man darf annehmen, dass die Rauscheckers gut informiert sind über das, was in Deutschland im Kampf gegen Corona geradeso schiefläuft. Und dann sind da noch die Zeitungen, die die allgemeine Verwunderung in Worte kleiden: Hi Germany, ihr wart gut, das Vorbild der Welt. Und jetzt? Uta Rauscheckers Gefühle sind, das hört man aus ihren Worten, ein wenig zwiespältig.

Zu wenig, zu umständlich, zu langsam: So kann man die Impfkampagne in Deutschland zusammenfassen. Viel, einfach, flott: So läuft es in den USA. Schon sind 140 Millionen Impfdosen in den Oberarmen US-amerikanischer Bürger gelandet, der neue US-Präsident Joe Biden hat seine Impfversprechen bislang sogar übererfüllt.

Im Bundesstaat Maryland haben laut John Hopkins University bereits über 13 Prozent der Einwohner die zweite Impfung erhalten, und Maryland liegt damit ungefähr im Schnitt. Das Riesenland USA ist damit unter den ersten zehn der weltweiten Impfstatistik. Deutschland dagegen taucht mit etwas über vier Prozent Zweitgeimpften nicht unter den ersten 30 auf. Wäre die Impfstatistik eine Fußballtabelle, Deutschland stünde vorm Abstieg in die dritte Liga.

Registrierung
nur online

Uta Rauschecker kann eine Vielzahl von Gründen nennen, warum es in der Hauptheimat gut läuft. Die Registrierung sei einfach, allerdings sei sie nur online möglich. Natürlich gebe es auch in den USA Menschen, die sich damit nicht auskennten oder die weder Internetzugang noch Laptop haben. Dafür helfe man in den Vereinigten Staaten zusammen, erzählt sie. „Der Nachbarschaftsgeist ist großartig.“

Die Weitläufigkeit des Landes spiegle sich im Charakter der Bürger wider, sagt sie. „Die Amerikaner sind nicht kleinkariert, im Gegenteil: Sie sind großzügig.“ Das kann sie aus eigener erster Erfahrung bestätigen: Beim Umzug damals, vor 30 Jahren, sei der Möbellaster in einem Unfall ausgebrannt. „In kurzer Zeit standen viele Menschen vor der Tür, die wir gar nicht kannten, um uns mit Möbeln auszuhelfen.“ Pragmatisch und zukunftsorientiert seien sie auch, die Amerikaner, erzählt die oberbayerische Auswanderin. Termine zum Impfen bekomme man schnell – und von unterschiedlichsten Stellen. Noch heute erhalte sie Terminvorschläge, sagt sie, und das, obwohl sie schon seit 24. Februar durchgeimpft ist. Die ganze Familie – sie, ihr Mann, die beiden Söhne und die Schwiegertöchter, dazu die Schwiegereltern – und das sei alles schnell und ohne weiteren Umstand geschehen. „Die Amerikaner impfen überall, in Feuerwehrgebäuden, Universitäten, Sportstadien, Einkaufszentren mit ihren Apotheken“, berichtet Rauschecker. Und alle helfen mit: Nationalgarde, Ärzte, Studenten und viele mehr.

Zuerst medizinisches Personal und Pfleger in Heimen samt deren Schützlingen, dann die wichtigsten systemrelevanten Berufsgruppen und Menschen über 75, dann jüngere Senioren und Kranke – nach diesem Fahrplan sind die USA schon recht weit gelangt. Die Rauscheckers waren schon von Berufs wegen flott dran: Josef Rauschecker (70) ist Neurophysiologe an der Georgetown University in Washington, die Söhne sind Ärzte, deren Frauen auch.

Kontrast zu den vergangenen Jahren

Die Deutschen wären schneller – wenn sie denn genügend Impfdosen hätten. So froh sie über die jetzige Stimmung ist, auch als Kontrast zu den vergangenen vier Jahren unter Donald Trump – eines muss Uta Rauschecker dem ungeliebten Ex-Präsidenten dann doch lassen. „Er hat einfach wahnsinnig viel Impfstoff eingekauft.“

Im Mai wollen sie wieder nach Stephanskirchen, nach dem Haus sehen, Freunde besuchen, Spargel essen. Ob‘s klappt, ist ungewiss. Wie so vieles. Wann, zum Beispiel, es in Rosenheim wieder ein Herbstfest geben wird. „Das“, so sagt Uta Rauschecker, „haben wir immer gern besucht.“

2021 aber werden sie wohl mit dem „Maryland Oktoberfest“ vorliebnehmen müssen. Es wirbt – angesichts des amerikanischen Impftempos wohl zu Recht – schon jetzt mit „German Beer“ und „Bratwurst“.

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