Wasserburg – Ein Filter, ein geeignetes Stück Papier und eine fingerlange Menge an Marihuana: Mehr braucht es zum Drehen eines Joints nicht. Heute feiern Menschen auf der ganzen Welt den inoffiziellen Cannabis-Tag. Aus der Pflanze Cannabis wird die illegale Droge Marihuana hergestellt. Die Wasserburger Allgemeinmedizinerin Claudia Eisenhut (55) therapiert in ihrer Praxis Süchtige mithilfe von Drogensubstitution. Die OVB-Heimatzeitungen haben nachgefragt, wie gefährlich Cannabis wirklich ist – und weshalb es nicht verharmlost werden sollte.
Frau Eisenhut, viele junge Leute denken: Von einem Joint wird man nicht abhängig, das ist doch ungefährlich. Ist es wirklich so einfach?
Nein. Bei unter 18-Jährigen liegt das Risiko, nach nur einem Joint abhängig zu werden, bei 17 Prozent. Bei Erwachsenen sind es nur neun Prozent.
Woran liegt das?
Das hat unter anderem mit der Entwicklungsphase des Gehirns bei Jugendlichen zu tun. Bei ihnen reagiert es wesentlich intensiver auf solche Substanzen. Das ist durch Kernspintomografieuntersuchungen auf hochauflösenden Bildern auch nachweisbar. Man kann sehen, dass bei unter 18-Jährigen schon beginnender Cannabis-Konsum Änderungen in der Gehirnstruktur bewirkt. Das ist auch nicht von der jeweiligen Persönlichkeit abhängig. Durch den Konsum wird das Gehirn in bestimmter Art und Weise geschädigt und das ist irreversibel.
Welche langfristigen Auswirkungen kann das auf den jungen Menschen haben?
Zum einen kann man natürlich süchtig werden. Zum anderen gibt es Hinweise darauf, dass Konsum in der Jugend zu Psychosen oder zumindest zu Borderline-Krankheitssymptomen im Erwachsenenalter führen kann. Ich denke aber, dass Cannabis bei Erwachsenen wesentlich weniger gefährlich ist als bei Jugendlichen, weil das Gehirn schon fertig entwickelt ist.
Cannabis kann also Auslöser einer psychischen oder körperlichen Erkrankung sein. Heißt das, ein gelegentlicher Joint kann gleich zu einer Psychose führen?
Nein, das ist nicht zu verallgemeinern. Bei den Jugendlichen, die regelmäßig konsumieren, kann es zu Wesensveränderungen und zu Wahnvorstellungen kommen. Aber die schwerwiegenden Psychosen oder Borderline-Erkrankungen treten dann im Erwachsenenalter auf, auch abhängig von der Persönlichkeitsstruktur.
Sie sprechen von Wesensveränderungen bei Jugendlichen. Inwiefern?
Die jungen Menschen entwickeln nicht ihre eigene Persönlichkeit, sind zutiefst verunsichert und eigentlich nur auf der Suche nach Nähe und Geborgenheit. Es führt zu einer Vernachlässigen der anderen Interessen und Entwicklungsmöglichkeiten.
Warum konsumieren Leute denn dann überhaupt Cannabis?
Man fühlt sich wohl, ruhig und entspannt. Diese Gefühle will man immer wieder hervorrufen. Farben, Gerüche und Musik werden intensiver wahrgenommen. Die Menschen fühlen sich auch leistungsstärker.
Vielleicht nehmen einige die Droge auch deshalb? Weil sie in Schule oder Ausbildung Leistungsdruck verspüren?
Das ist durchaus möglich. Manche machen es auch, weil sie dazugehören wollen. Ähnlich wie bei Zigaretten oder Alkohol.
Die Pandemie ist für viele Jugendliche eine schwierige Zeit. Ist die Versuchung zum Kiffen jetzt größer?
Es ist bereits erwiesen, dass der Alkoholkonsum steigt. Es ist erwiesen, dass die psychischen Folgen der Pandemie gravierend sind. Die Isolation in dieser vulnerablen Phase des Erwachsenwerdens kann zu Depressionen und zu Suchtverhalten führen. Dass man anfälliger für etwas ist, das einen von dem Ganzen wegbringt, kann ich mir vorstellen.
Cannabis dann also als Einstiegsdroge?
Richtig. Die Gefahr ist, dass man nur über Dealer daran kommt und so der Weg zum Heroin zum Beispiel kürzer ist.
Woran lassen sich Marihuana rauchende Menschen denn erkennen?
Unmittelbar nach dem Konsum zum Beispiel durch die Rötung der Augen. Interview: Alexandra Schöne
Betroffene und Angehörige können sich an die Stelle für Prävention und Suchthilfe „neon“ in Rosenheim unter der Telefonnummer 08031/3042300 oder per E-Mail an info@neon-rosenheim.de wenden.