Rosenheim – Lockdown, das bedeutet: Ausgangssperren, Kontaktbeschränkungen und viel Zeit in den eigenen vier Wänden. Das ist besonders für die Kinder mit gewalttätigen Eltern gefährlich. Die offiziellen Zahlen aus der Region zeigen bislang keinen Anstieg der Kindesmisshandlungen. Doch die Frage nach der Dunkelziffer bleibt. Sie könnte hoch sein, vermutet der Kinderschutzbund Rosenheim.
Die offiziellen Zahlen zur Gewalt gegen Kinder sind offenbar nicht gestiegen. Das bestätigen sowohl das Jugendamt, das Polizeipräsidium Oberbayern Süd als auch die Staatsanwaltschaft Traunstein auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen.
Nicht mehr aktenkundige Fälle
Während im Jahr 2019 181 Gefährdungsmeldungen im Amt für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Rosenheim eingegangen sind, waren es 2020 180. Darunter waren 31 Fälle von körperlicher Gewalt und ein Fall von häuslicher Gewalt gewesen. Die Zahlen für den Landkreis konnte der Sprecher des Landratsamtes auch nach wiederholter Nachfrage nicht liefern.
Auch Alexander Huber, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, sagt, dass die aktenkundigen Fälle zu Gewalt gegen Kinder nicht gestiegen seien – im Gegenteil. Laut Huber sind sie 2020 im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht zurückgegangen. Genaue Zahlen könne er aber nicht nennen.
Exakte Daten
gibt es nicht
Ähnlich äußert sich die Staatsanwaltschaft Traunstein. Exakte Daten zur Summe der Verfahren bezüglich Kindesmisshandlungen könne er nicht zur Verfügung stellen, sagt Pressesprecher Björn Pfeifer auf Anfrage.
Sie würden im Datensystem nicht gesondert erfasst. Und alle manuell auszuwerten, könne man nicht leisten. Pfeifer teilt hingegen seinen persönlichen Eindruck. „Ein Anstieg der Verfahrenszahlen im Bereich der Körperverletzungsdelikte zum Nachteil von Kindern ist meinen Kollegen und mir nicht aufgefallen“, sagt er.
Der Bereich „Gewalt gegen Kinder“ ist vielfältig. Darunter fallen neben psychischer Misshandlung auch sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und natürlich physische Gewalt. Babys können dabei beispielsweise ein „Schütteltrauma“ erleiden. Dabei packt ein Erwachsener das schreiende Kind am Brustkorb und schüttelt es so lange, bis es ruhig ist, erklärt Professor Dr. Martin Staudt. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Chefarzt für pädiatrische Neurologie in der Schön Klinik Vogtareuth.
Auch wenn in der Pandemie möglicherweise viele Eltern gestresst sind – mehr „Schüttelkinder“ würden in der Klinik dennoch nicht behandelt, sagt er. „Wir haben tatsächlich einen Anstieg erwartet, als das Coronavirus aufgekommen ist. Diese Befürchtung hat sich aber Gott sei Dank nicht bewahrheitet.“
Die offiziellen Zahlen zu Fällen von Kindesmisshandlungen lassen nicht auf einen Anstieg schließen. Aber was ist mit den Fällen, die nicht gemeldet werden? Die Dunkelziffer sei sicherlich sehr hoch, sagt Marianne Guggenbichler, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Rosenheim, zuständig für Stadt und Landkreis.
Sie vermutet, dass die Zahlen in der Pandemie stagnieren, weil die Kinder weniger „Mitteilungsmöglichkeiten“ hätten: Schulen zu, Nachmittagsbetreuungen geschlossen, soziale Kontakte reduziert bis gar nicht vorhanden. Wenn die Krise vorbei sei, würde das Ausmaß der Gewalttaten, die noch nicht aktenkundig sind, vermutlich erst sichtbar werden.
Vermehrt junge Menschen rufen an
Was sie aber schon jetzt sieht: die steigende Nachfrage von jungen Menschen nach Telefonberatung. Viele riefen beim Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes an, der „Nummer gegen Kummer“. Am Standort Rosenheim hätten die Berater 2020 insgesamt 30 Prozent mehr Kinder und Jugendliche in der Leitung gehabt als noch 2019, sagt Marianne Guggenbichler. Zum Thema psychische Gewalt seien es 60 Prozent mehr Anrufer als 2019 gewesen, über sexuellen Missbrauch wollten 50 Prozent mehr sprechen.
Redebedarf im Lockdown gestiegen
Doch nicht nur Kinder und Jugendliche haben offenbar mehr Redebedarf, auch Erwachsene. Der Kinderschutzbund Rosenheim habe im vergangenen Jahr 67 Prozent mehr Mütter und Väter vor Ort oder telefonisch beraten als 2019, berichtet sie. Die Eltern erzählten von ihren Kindern, die traurig, aggressiv oder nicht mehr vom Handy wegzubekommen seien. Alles Folgen der Corona-Pandemie, die seit über 13 Monaten die Gesellschaft belastet.