Rosenheim – Abitur machen, das bedeutet stundenlange Lernmarathons, Hunderte Karteikarten und den ein oder anderen Nervenzusammenbruch. Auch in diesem Jahr. Die Prüfungen starten an den Gymnasien in Stadt und Landkreis Rosenheim am heutigen Mittwoch mit dem Fach Deutsch. Abitur machen, das bedeutet auch Feiern, Wegfahren und Freiheit. Aber nicht in diesem Jahr. Die Inzidenzzahlen sind immer noch hoch, die Corona-Pandemie in vollem Gange. Die Aussichten auf Spaß in großen Gruppen oder in einem anderen Land nach den Prüfungen sehen schlecht aus. Sehr schlecht. Justin Mulisch weiß das. Der 18-jährige Rosenheimer macht heuer sein Fachabitur auf der FOS in Rosenheim.
Schriftliches an der FOS ab Pfingsten
Die mündlichen Prüfungen haben dort schon Anfang der Woche begonnen, die schriftlichen folgen nach Pfingsten. „Es geht nur um Leistung, Leistung, Leistung“, sagt Justin Mulisch. Er klingt dabei erschöpft und ein bisschen abgekämpft. Der 18-Jährige erzählt von seinem Alltag, der schon im Vorfeld der Abiturprüfungen nur aus Lernen und Klausuren bestanden hatte. Wie er auch am Wochenende am Schreibtisch festgetackert war. Im Leben eines Abiturienten eigentlich nichts Ungewöhnliches.
„Psychisch
mehr angeschlagen“
Das Problem für ihn und seine Mitschüler ist aber, dass sie so gar keinen Ausgleich haben. So sagt es Mulisch selbst. „Man kann sich auf nichts freuen, man kann danach nicht wegfahren, nichts. Das ist einfach frustrierend.“ Sich so noch zum Lernen zu motivieren, sei schwierig, das gibt er offen zu. Vom Licht am Ende des Tunnels zu reden, hält Mulisch nicht viel. Er sagt nur: Wenn er und seine Mitschüler das Abi schaffen, dann hätten sie es „redlich verdient.“ „Wir sind psychisch mehr angeschlagen als der normale Abischüler vor Corona.“
Auch Simon Wilz (17) hat in der vergangenen Woche jeden Tag am Schreibtisch zum Lernen gesessen. Er ist Abiturient am Ignaz-Günther-Gymnasium Rosenheim. Ihn belastet es auch, dass Abiparty, -ball und -fahrt ausfallen. Also quasi alles, was die Abizeit schön macht. Das sei schade. Aber er freut sich schon darauf, den Abschluss „endlich in der Tasche“ zu haben. Und auch darauf, dass es heute endlich losgeht. Denn in den Wochen zuvor habe ihm die Unsicherheit zu schaffen gemacht, die er jedes Mal beim Schnelltest vor dem Schultag gespürt habe. „Was wäre, wenn der jetzt positiv ist?“, das hat er sich immer gedacht. Die Masken, die bei den Abiturprüfungen Pflicht sind, findet er deshalb gar nicht schlimm. Im Gegenteil, er fühle sich besser damit, geschützter für die nachfolgenden Klausuren.
Ja, die Maske ist verpflichtend. Aber einen Test, den jeder Schüler vor der Prüfung verbindlich machen muss? Nein, das gibt es nicht. Deshalb teilen die Schulleiter der Gymnasien in der Region ihre Abiturienten in zwei Gruppen auf. Die, die sich testen lassen, und die, die das nicht wollen. Das bedeutet am Gymnasium Bruckmühl beispielsweise auch eine strikte räumliche Trennung der Schüler (siehe Infobox). Glücklich darüber, dass die Tests nicht verpflichtend sind, ist Schulleiter Walter Baier, der zugleich Vorsitzender der Direktorenvereinigung der bayerischen Gymnasien ist, nicht. An der Schule würden sie Schnelltests am Tag vor der Prüfung anbieten. Doch wer wirklich einen gemacht hat, erfahre man erst am Morgen der Klausur. Baier hofft auf viele Testwillige – auch wegen der Lehrer, die Aufsicht führen. „Viele haben Angst, dass sie stundenlang mit Ungetesteten in einem Raum sein müssen“, sagt er.
Sind die Prüfungen erst einmal vorbei, steht das nächste große Ereignis an: die Abiturzeugnisverleihung. Es ist die Veranstaltung, bei der die Abiturienten ins Leben entlassen werden, nach der sie offiziell keine Schüler mehr sind – ein wichtiger Tag. Das sagen auch viele Rektoren im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. „Wir wollen eine möglichst würdevolle, dem Anlass angemessene Feier“, betont Andreas Schaller, Schulleiter des Priener Ludwig-Thoma-Gymnasiums. Nicht nur für die Schüler – auch für die Eltern, die ihre Kinder das ganz Schulleben lang begleiteten.
Großartig vorausplanen kann aber noch niemand. In welchem Maße die Feierlichkeiten möglich sind, wird, abhängig von der Pandemielage, wohl erst kurzfristig feststehen. Schaller hat vorsichtshalber schon einmal den König-Ludwig-Saal in Prien gebucht. Walter Baier überlegt, wie 2020 die Verleihung draußen abzuhalten – genauso wie FOS/BOS-Schulleiter Dr. Marko Hunger. Sind die Inzidenzzahlen zu hoch, würden die Abschlussbesten unter freiem Himmel geehrt. Ansonsten steht der Saal im Rosenheimer Ballhaus für die rund 600 Absolventen der FOS/BOS Rosenheim bereit. Egal wie, wo oder wann: Auch im zweiten Corona-Abi-Jahr sollen am Ende alle ihre Zeugnisse erhalten. Damit die Lernmarathons nicht umsonst waren.