Rosenheim – Die Region Rosenheim macht weiter Fortschritte bei der Corona-Impfung – neben dem Impfzentrum von Stadt und Landkreis auf der Loretowiese sind die Hausärzte ein zweites, wichtiges Standbein. Die aber hadern: zu wenig vom gefragten Biontech-Impfstoff, dafür Astrazeneca en masse, was wiederum schwer an den Patienten zu bringen ist. Hinzu kommt: ein Übermaß an Bürokratie und Organisationsaufwand.
Dr. Nikolaus Klecker, Bezirksvorsitzender im Bayerischen Hausärzteverband mit eigener Praxis in Rosenheim, stöhnt auf, wenn er nur auf das Thema Corona-Impfung angesprochen wird. „Ein Riesenchaos“ und „Bürokratiewahnsinn“, bricht es aus ihm heraus, bevor er ins Detail seines Praxis- und Impfalltags geht: Impfstofflieferungen nach Gutdünken, die eine Woche mehr, die andere weniger. „Man blickt nicht mehr durch, nach welchen Kriterien zugeteilt wird“, ärgert er sich. „Vogelwild.“
Verteilung nach
dem Kuckucksprinzip
Kleckers Eindruck, den er am Beispiel des Starnberger Impfzentrumsleiters bestätigt sieht, der nach einer Beschwerde gar Besuch vom Gesundheitsminister sowie eine Extralieferung bekam: „Hier gilt das Kuckucksprinzip, wer seinen Mund am weitesten aufreißt, wird am ehesten gefüttert.“
Weiterer Kritikpunkt Kleckers, dem seine Kollegen nur zustimmen können: überbordende Bürokratie, allein sechs Seiten Papierausdruck pro Patient, was schlussendlich auch noch abgeheftet werden müsse – „es leben die Digitalisierung und die deutsche Gründlichkeit“, sagt der Allgemeinmediziner voller Ironie. „In den USA kommen sie mit zwei Seiten Papier aus, simpel und pragmatisch.“
Hinzu kommt der teils immense Aufwand in den Praxen, um die Impftermine zu koordinieren – und dabei insbesondere das Vakzin Astrazeneca an den Patienten zu bringen. „Wir müssen den Impfstoff regelrecht verbetteln, das ist unvorstellbar“, ärgert sich Dr. Josef Stein, Allgemeinarzt mit Praxis in Rosenheim. „Wir verbringen drei Viertel unserer Zeit mit Telefonieren.“ Gegenüber den Impfzentren, die Astrazeneca nicht mehr verwenden, sieht er die Hausärzte benachteiligt. „Wir bekommen hier die Second-Hand-Ware und dürfen schauen, wie wir sie losbekommen.“ Überdies stellt Stein die Wirtschaftlichkeit der Impfzentren in Frage: „Beim Hausarzt kostet eine Impfung ein Zehntel von dem, was im Impfzentrum anfällt“, erklärt er. In seiner Praxis würden beispielsweise 30 Patienten in einem Zeitraum von eineinhalb Stunden betreut – „wie beim Grippeschutz.“ Hinzu käme, sobald Nebenwirkungen aufträten, würde sowieso an die Hausärzte verwiesen. Steins Expertise: Die Impfzentren sind seiner Ansicht nach unterm Strich eine reine Verschwendung von Steuergeldern.
Seine liebe Mühe mit dem Vakzin Astrazenenca hat auch Dr. Fritz Ihler, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Rosenheim und mit Praxen in Rosenheim und Schechen vertreten. „Astrazeneca ist schwierig zu verimpfen, auch nach der Öffnung für alle.“ Der weitaus beliebtere Impfstoff Biontech sei indes weiter Mangelware, auch in seiner Praxis. „Obwohl wir aufgrund unserer vier Ärzte viermal so viel zugeordnet bekommen wie Einzelpraxen, dennoch reicht es nicht.“
Grundsätzlich skeptisch steht keiner der befragten Mediziner Astrazeneca gegenüber – ganz im Gegenteil: Der Nutzen überwiege bei Weitem das Risiko, unterstreicht Josef Stein. Schließlich schütze das Vakzin vor schweren oder gar tödlichen Krankheitsverläufen. Einzig jüngeren Frauen, insbesondere in Verbindung mit der Antibabypille, oder Rauchern raten die Mediziner aus der Region unisono von Astrazeneca ab. „Hier besteht eine reelle Gefährdung“, betont Kreisvorsitzender Ihler.
Einer, der – abgesehen bei jüngeren Frauen – ein Verfechter von Astrazeneca ist, ist der Rosenheimer Allgemeinmediziner Eugen Balthasar Tremmel (69), der bis 2017 eine eigene Praxis in Moosach bei Grafing betrieb und zuletzt gut ein halbes Jahr Praxisvertretung in Rosenheim hinter sich hat. Sein „Mittel“, auf das er setzt: der Aspirin-Wirkstoff ASS (Acetylsalicylsäure). In Verbindung mit dem Blutverdünner ASS ist seiner Ansicht nach eine Impfung mit Astrazeneca kein Problem. „Ich empfehle all meinen Bekannten und meiner Familie, zwei Tage vor der Impfung und vier Tage danach 100 Mikrogramm ASS pro Tag zu nehmen.“ Studien dazu gibt es aktuell keine.
Gute Erfahrung in
der Covid-Nachsorge
Gute Erfahrungen mit ASS hat Tremmel den Herbst und Winter über auch bei der Nachbehandlung von schwer erkrankten Covid-Patienten gemacht, wie er im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen unterstreicht. „Die sind nach überstandener Infektion schneller wieder fit geworden“, ist er überzeugt.
Eine Erfahrung, die andere Mediziner so nicht teilen können und sich diesbezüglich verhalten äußern. Insbesondere zur Risikoreduzierung in Zusammenhang mit einer Astrazeneca-Impfung winken sie ab: ASS fördere zwar die Durchblutung. Gegen Sinusvenenthrombosen, wie sie nach Astrazeneca-Gabe auftreten könnten, wären allerdings hochdosierte Gerinnungshemmer notwendig, sind sich die Allgemeinärzte Ihler, Stein und Klecker einig.