Auch wenn ich als Seelsorgerin viele Beerdigungen halte, geht mir mancher Abschied noch lange nach. Letzte Woche habe ich die Urne einer sehr lieben Frau beigesetzt, die hochbetagt im Alter von 97 Jahren in einem Seniorenheim verstorben ist.
Im Gespräch vor der Beerdigung erzählen mir die Angehörigen ihre wechselvolle Lebensgeschichte: Als junges Mädchen ist sie allein nach München gezogen, fand Arbeit als Schreiberin am Gericht und war beim Prozess gegen die Geschwister Scholl dabei. Später auf ihre Erinnerungen befragt, erzählte sie als erstes, dass der Vorsitzende Richter Roland Freisler „immer so furchtbar geschrien hat.“ Ich bekomme eine Gänsehaut, denn unvermittelt bin ich mitten drin in einem bedeutenden Ereignis der deutschen Geschichte. Sophie Scholl wurde im Februar 1943 noch am Tag der Urteilsverkündung hingerichtet.
Mich bewegt heute auch das Gefühl der Ohnmacht, mit der die damals junge Protokollantin der gleichaltrigen Angeklagten gegenüber saß. Wir haben in den vergangenen Tagen an den 100. Geburtstag von Sophie Scholl erinnert. Gleichzeitig trage ich eine der letzten Zeitzeuginnen zu Grabe. Mir bleibt das stille und ehrende Gedenken beider Frauen über den Tag der Beerdigung hinaus.
Wenn wir morgen das Fest Christi Himmelfahrt feiern, dann ist dieser Tag noch sehr viel mehr als nur eine Erinnerung, dass Jesus irgendwann einmal auf der Erde gelebt und sein Leben in letzter Konsequenz aus Liebe hingegeben hat. Wir glauben, dass er bleibend gegenwärtig ist, weiter wirkt und sein Vermächtnis lebendig bleibt.