„Wir haben eine gewisse Verantwortung“

von Redaktion

Viele Hausärzte tragen Impfkampagne weiter voll mit – Zahlreiche Terminanfragen

Rosenheim – „Liebe Patienten“, so begrüßt einen die Stimme vom Anrufbeantworter, bevor sie zum Punkt kommt: „Bitte rufen Sie nicht wegen Fragen zur Covid-Impfung an. Wir können den erhöhten Telefonfrageaufwand nicht mehr stemmen.“

Mal schnell telefonisch einen Termin ausmachen – das kann derzeit ein schwieriges Unterfangen sein. Der Grund: Die Corona-Impfkampagne macht Ärzten und deren Personal viel Arbeit. Allein die Vergabe von Terminen und die Suche nach Einspringern, falls ein Impfkandidat nicht erscheint, nimmt die Sprechstundenhelferinnen stark in Anspruch. Noch mehr Menschen als zuvor suchen um Termine bei den Hausärzten nach, seit die Impfzentren wie berichtet den Zweitimpfungen Vorrang geben. Dr. Jennifer Dietz, Allgemeinärztin mit Praxis in Prien, kann sich schon ausrechnen, wann der Ansturm auf die Ärzte weiter zunimmt. „Wenn die Priorisierung komplett aufgehoben wird, dann wollen sich wahrscheinlich alle gleichzeitig impfen lassen“, sagt sie.

„Der Organisationsaufwand ist hoch“, sagt Dr. Robert Hergenröther, der mit Dr. Ralf Freiberger eine Gemeinschaftspraxis in Bad Aibling betreibt. Zwischen 40 und 200 Impfungen pro Woche verabreiche die Praxis. „Es ist viel, aber wir kommen noch zurecht“, sagt er. Urlaub gibt es in nächster Zeit nicht. „Wir impfen die Pfingstferien durch“, sagt er. „Wenn wir das schaffen, sind wir durch.“

Ein Problem der Ärzte sind Papierkram und Organisationsaufwand. Einige Ärzte mussten bereits Zweitimpfungstermine absagen, obwohl die schon seit der Erstimpfung angesetzt und die Impfmengen dafür an sich garantiert sind. Hergenröther hat derlei von Kollegen gehört, seine Praxis kam bislang gut durch. Auch weil man untereinander mit Impfstoff aushelfe. Wer da nicht zum Zuge kommt, hat neben der Enttäuschung der Patienten auch mit der Vereinbarung neuer Zweitimpfungstermine zu tun.

Warum in der Regel viel weniger angeliefert als bestellt wird, bleibt undurchsichtig. Die Ärzte bekommen ihren Nachschub über feste Partner-Apotheken, die wiederum erhalten den Stoff von Pharmagroßhändlern. „Wir schauen, so viel zu bekommen, wie wir überhaupt nur bekommen können“, sagt Elke Wanie aus Bad Aibling. Sie arbeitet in zwei Apotheken und gehört zum Vorstand der Bayerischen Landesapothekerkammer. Wer wie viel von welchem Medikament ergattern kann – das wüssten auch sie und ihre Kollegen nicht. Die Lieferungen hätten jedenfalls in den vergangenen Wochen nicht zugenommen, zuletzt sei eher weniger gekommen.

Elke Wanie erwartet bei den Erstimpfungen weiter eine erhöhte Nachfrage und ein geringeres Angebot. Zum einen, weil auch viele Hausärzte in den kommenden Wochen zuvörderst Zweittermine vereinbaren – „wenn man die nicht einhält, war die erste Impfung für die Katz‘“. Zum anderen wegen der Verlockung der Normalität: Wegen der erneuerten Rechte für komplett Geimpfte habe sich mancher Spritzen-Saulus zum Impf-Paulus gewandelt.

Die Hausärzte zeigen sich oft angespannt, noch öfter hoch motiviert. Jennifer Dietz in Prien macht allem Aufwand zum Trotz weiter. „Es wäre fatal, wenn nicht geöffnet werden kann, weil wir nicht impfen“, sagt sie. Für viele Menschen in der Gegend gehe es um die Existenz, „da haben wir eine gewisse Verantwortung.“ Dr. Wolfgang Prokop aus Bad Endorf sagt: „Der Aufwand lohnt sich wegen der Menschen.“ Den Großteil des Impfens erledigen er und seine Mitarbeiter außerhalb der normalen Praxiszeiten – für 20 Euro pro Impfung. Egal, Hauptsache, die Pandemie wird besiegt. „Wir machen das gerne“, sagt Prokop,

Appell an Ministerpräsident Söder

Landrat Otto Lederer und Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März (beide CSU) haben sich in einer gemeinsamen Initiative an Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gewandt. In einem Schreiben, das am gestrigen Donnerstag an die Staatskanzlei in München ging, machen Lederer und März auf den Impfrückstand von Stadt und Landkreis Rosenheim aufmerksam. Zwischen dem Bundes- und dem Landesdurchschnitt auf der einen sowie Stadt und Landkreis auf der anderen Seite klafft eine gehörige Lücke. Die aber, das zu betonen wird die Stadt nicht müde, liege nicht an der Leistung der Impfzentren, sondern an der Menge des Impfstoffs. Man verimpfe, was da sei, hatte auch Landrat Lederer gegenüber den OVB-Heimatzeitungen betont. Er und März appellieren daher an Söder, Stadt und Landkreis bei der nächsten Sonderzuteilung von Impfstoff zu berücksichtigen. Ob’s klappt? In den vergangenen Wochen profitierten vor allem Hotspot-Regionen von Extra-Lieferungen. Dazu gehört die Region Rosenheim aber nicht mehr. we

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