Rosenheim – Als Jugendlicher wollte Hansjörg Decker (84) aus Bernau die Natur retten. Er habe gesehen, wie sie durch die technische Entwicklung bedroht worden sei, und wollte dagegen ansteuern. Aus „jugendlichem Idealismus“ – und wegen seiner Biologielehrerin, die ihn dazu animierte – sei er im Jahr 1952 in München dem Bund Naturschutz (BN) beigetreten. Damals war er noch Schüler an der Oberrealschule.
Von 350 auf
7400 Mitglieder
Er ging auf Demonstrationen, organisierte Infostände und bemühte sich um Aufklärung. „Das Artikulieren von Problemen, das Einmischen, das ist das Allerwesentlichste“, sagt er. Das hat er auch beim BN Rosenheim gemacht. Dort ist er seit der Gründung 1971 Mitglied. Damals hatte die Kreisgruppe laut Vorsitzendem Peter Kasperczyk 350 Mitglieder. Jetzt seien es in Stadt und Landkreis Rosenheim über 7400 Mitglieder in 16 Ortsgruppen.
Kasperczyk (74) selbst engagiert sich schon seit über 40 Jahren beim Bund Naturschutz. Die ehrenamtliche Arbeit habe sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert. Man spreche mit Experten und Betroffenen über ein Problem, erarbeite aus den Informationen Stellungnahmen und suche nach Alternativen. Auch an Demonstrationen teilzunehmen, gehöre zur Arbeit der Umweltschützer.
So wie Anfang der 70er. Damals begann die Diskussion um ein Kernkraftwerk in Marienberg zwischen Rosenheim und Schechen. Der BN habe sich ganz entschieden dagegengestellt, sagt Kasperczyk. Das Projekt beschäftigte die Aktivisten beinahe drei Jahrzehnte. Erst 1998 verkündete der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), Marienberg als möglichen Standort für das Kernkraftwerk zu streichen.
In den 80ern sei das Waldsterben ein großes Thema gewesen. Damals habe man sich auch viel mit ökologischem Landbau beschäftigt. Außerdem hätten sich in diesem Jahrzehnt die Ortsgruppen des BN gegründet. Heute gibt es diese zum Beispiel in Amerang, Prien und Samerberg. „Die Stärke des Bund Naturschutz ist die lokale Verbundenheit“, sagt der Vorsitzende. Vor Ort könne man Probleme besser angehen und die Menschen direkt informieren. Anfang der 90er hätten sich die Ortsgruppen intensiv mit dem Thema Müllentsorgung auseinandergesetzt. 1991 gab es den Volksentscheid zum „Besseren Müllkonzept“. Mitglieder einer Bürgeraktion wollten einen eigenen Vorschlag für ein neues Abfallwirtschaftsgesetz vorlegen. Kasperczyk berichtet von Infoständen in verschiedenen Gemeinden.
Das „Was“ bei der Arbeit des BN habe sich nicht geändert, sagt er. Sehr wohl aber das „Wie“. Ohne Internet sei alles ein wenig langsamer, „ein bisschen gemütlicher“ gewesen. Sie hätten Briefe geschrieben, per Hand oder mit der Schreibmaschine, und wären mit dem Auto durch die Orte gefahren. „Die Arbeit war komplizierter.“
Positiver als die Probleme bei der Müllentsorgung war laut Kasperczyk ein Erlebnis in den 2000er-Jahren: die Landesgartenschau. Der Bund Naturschutz war dort 2010 mit einem Biberfreigehege vertreten, um über die Tiere zu informieren, die im Rosenheimer Auwald leben. 7000 ehrenamtliche Stunden Arbeit habe der BN seit 2006 in dieses Projekt gesteckt.
2011 wurden nach einem Erdbeben und einem Tsunami im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Unmengen an radioaktiven Stoffen freigesetzt. „Das hat uns in unserer Position gegen Atomkraft bestärkt“, erinnert er sich. Einen Monat nach der Katastrophe verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Energiewende. Ziel: Der letzte Atomreaktor soll 2022 vom Netz gehen.
Anschließend habe man sich auch beim Bund Naturschutz noch mehr mit erneuerbaren Energien beschäftigt – bis heute. Ein Thema mit Konfliktpotenzial. „Einerseits wollen wir Fotovoltaikanlagen, aber andererseits geht dabei Fläche verloren, die wir schützen wollen. Man muss abwägen, Kompromisse eingehen“, sagt Kasperczyk. Und dabei eben auch aushalten, dass nicht alle Leute damit einverstanden sind.
Klimawandel und
Brenner-Nordzulauf
Aktuell beschäftigt den BN vor allem der Brenner-Nordzulauf. Aber das große Problem, das in den kommenden Jahrzehnten die Gesellschaft beschäftige, ist für ihn ganz klar der Klimawandel. Der Vorsitzende sieht Konflikte und „heiße Diskussionen“ auf die Menschheit zukommen. Glauben, dass man trotzdem etwas positiv verändern kann, will er trotzdem weiterhin. „Es bringt nichts, aufzugeben.“ Das findet auch Hansjörg Decker. Er jedenfalls wird beim Bund Naturschutz bleiben, so lange er lebt. Davon ist er überzeugt.