Rosenheim – Votum für höheren Mindestlohn, Ablehnung von Extrempositionen wie der 30-Stunden-Woche: Eher pragmatisch liest sich das Wahlprogramm, auf das sich die Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen geeinigt hat. Über die Ergebnisse des Parteitages, über sinkende Umfragewerte und die Kanzler-Chancen sprachen die OVB-Heimatzeitungen mit Martina Thalmayr, Sprecherin des Grünen-Kreisverbandes Rosenheim.
Wen sehen Sie als Sieger, die Parteiführung oder die Basis mit den Delegierten?
Ich würde nicht von Sieger oder Verlierer sprechen. Die Bundesspitze hat sich mit den meisten Anträgen durchgesetzt, das heißt, zu circa 95 Prozent. Aber die Anträge waren auch in der Regel besser argumentiert – vor allem hinsichtlich der nachgelagerten Ideen und der Möglichkeiten zur Umsetzung.
Beachtliche 3280 Änderungsanträge gab es – wie viele kamen aus Rosenheim?
Sechs. Einer zum Beispiel drehte sich um die Zusammenarbeit und faire Wirtschaft mit Afrika, ein anderer um Prostitution. Die Anträge waren im Kreisverband mit den Mitgliedern diskutiert und abgestimmt worden. Einige unserer Anträge sind übrigens im Vorfeld schon ins Programm eingearbeitet worden, die kamen gar nicht mehr zur Abstimmung. Von den über 3000 anderen Anträgen wurden außerdem viele zusammengefasst. Das ist nicht unüblich.
Man sprach von den Grünen auf dem Boden der Tatsachen, von Gegenwind, von einer entzauberten Kandidatin Annalena Baerbock. Ist die Trendwende geglückt?
Wir haben ein wirkliches Programm, wir haben Punkte, wir haben Themen. Dass man sich an formalen Kleinigkeiten festkrallt und daran aufschaukelt, finde ich traurig genug. Ich frage mich, in welchen Wahlkampf wir hier in Deutschland starten wollen, und würde mir wünschen, dass wir uns wieder auf Inhalte fokussieren. Gegenwind – ja, den haben wir, Sympathiewerte haben auf den ersten Blick gelitten. Aber am Ende geht es nicht um Sympathien, sondern darum, wohin die Reise gehen soll, wie wir mit den akuten Problemen unserer Zeit fertig werden wollen. Wir bleiben bei unseren Themen und Inhalten und werden bei diesem Schmutzwahlkampf nicht mitmachen.
Heißt konkret?
Mache ich einen Wahlkampf, wo ich jedes Wort daraufhin berechne, wann ich was zu wem sage, oder mache ich einen Wahlkampf, der ehrlich und authentisch ist? Na klar mache ich mich damit auf großer Bühne angreifbar. Ich hoffe aber, dass die Menschen genau das auch im Laufe des Wahlkampfes erkennen und sehen, worauf es wirklich ankommt.
Bleibt für Sie Annalena Baerbock die richtige Kandidatin?
Ja, sie ist weiter die Richtige. Ich hätte mir Robert Habeck genauso gut vorstellen können, aber ich denke, dass diese frische, dynamische und hoch motivierte Frau der Politiklandschaft guttut.
Interview Michael Weiser