Prien – Nach eineinhalb Jahren Pandemie-Distanz können große Menschenmengen angsteinflößend wirken. Professor Dr. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor der Schön-Klinik Roseneck in Prien sowie Chefarzt für Psychosomatik und Psychotherapie, ist Experte für Angst und deren Bekämpfung. Im Interview spricht er darüber, wie wichtig soziale Kontakte sind, und gibt Tipps, wie man sich wieder an mehr Menschen gewöhnt.
Das erste Mal wieder in einem Restaurant sitzen, in ein Konzert mit vielen Menschen gehen – für viele fühlt sich das komisch an. Können Sie das nachvollziehen?
Ich kann nachvollziehen, dass es eine gewisse Vorsicht und Verunsicherung bei einigen Menschen gibt. Es gibt natürlich Menschen mit Angststörungen, die Angst vor Menschenmengen oder sozialen Kontakten, also eine Agoraphobie, haben. Die waren während der Corona-Pandemie im Rückzug und weniger damit konfrontiert. Ich habe von einigen Patienten gehört, dass die Zeit für sie gar nicht so schlimm war. Sie haben jetzt sicherlich verstärkte Ängste.
Ist es unrealistisch für Menschen ohne Angststörungen, während der Pandemie Angst vor Menschenmengen zu entwickeln?
Ich würde sagen, die Meisten haben nicht wirklich Angst. Gleich wieder neue psychologische Krankheiten zu kreieren, finde ich persönlich übertrieben. Natürlich sprechen manche von Re-Entry-Anxiety oder Cave-Syndrome,…
…die Angst vor dem sozialen Leben nach Corona oder der Wunsch, lieber in seiner sicheren „Höhle“ zuhause zu bleiben, anstatt raus zu gehen…
…aber ich denke, dass dies überschätzt wird und eher im Widerspruch zu unseren Erfahrungen zur Entstehung psychischer Erkrankungen steht. Die Rückkehr zur Normalität tut uns allen gut.
Bedenken gegen soziale Kontakte werden also eher nicht dauerhaft sein. Was ist mit gesundheitlichen Ängsten?
Es gibt Menschen mit Zwangsstörungen, die Angst vor Kontamination mit Keimen haben. Wir haben erlebt, dass das in der Pandemie verstärkt wurde. Es kann sein, dass das bei einigen bestehen bleibt. Aber es ist noch zu früh, hier eine gute wissenschaftliche Aussage zu treffen.
Was geht in Menschen bei Angst vor?
Grundsätzlich ist das Angsterleben angeboren. Angst soll dort auftreten, wo sie wichtig ist. Zum Beispiel, wenn man eine Straße überquert. Wenn man überhaupt kein Angsterleben hat, neigt man zu gefährlichen und unüberlegten Aktionen. Hier ist aber meine Empfehlung: Wer Ängste hat, die das Leben einschränken, sollte alles tun, um frühzeitig dagegen anzugehen. Wenn man das vermeidet, verstärkt sich die Angst auf die Dauer.
Macht es dabei einen Unterschied, ob man ein extrovertierter oder introvertierter Mensch ist?
Introvertierte Menschen neigen eher zur Ängstlichkeit. Manche Menschen sind aber einfach ängstlicher als andere. Es ist ein Stück weit angeboren. Aber es können auch extrovertierte Menschen unter Ängsten leiden.
Sie sagen, Einsamkeit macht krank. Besonders bei jungen Menschen ist das in der Pandemie ein großes Thema. Warum?
Die besonders vulnerablen Gruppen sind alte Menschen sowie Kinder und Jugendliche. Diese haben an den Kontaktbeschränkungen während der Pandemie sicher am meisten gelitten. Für die Entwicklung eines jungen Menschen ist es eben enorm wichtig, dass er zum Beispiel in seinen Sportgruppen und mit Gleichaltrigen unterwegs ist. Für ältere Menschen, die weniger beweglich sind und weniger unternehmen können, ist Einsamkeit sehr kritisch.
Welche Tipps haben Sie in Hinblick auf das Sozialleben, das wieder Fahrt aufnimmt?
Man soll sich nicht überfordern, sondern in Schritten vorgehen. Sich wieder mit den besten Freunden treffen, im Voraus planen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Sozialkontakte sind für das Wohlergehen von ungeheuerer Bedeutung. Einsamkeit macht krank. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass man früher stirbt, wenn man einsam ist. Darum ist es wichtig, unsere Sozialkontakte wieder zu aktivieren. Und ganz wichtig: Das Angebot der Impfung annehmen. Das ist auch ein Akt der Solidarität. Interview: Alexandra Schöne