Rosenheim – Man könnte eine Serie über Ludger Ottos Laufbahn drehen, und Tatort-Darsteller Dietmar Bär könnte, er müsste ihn sogar spielen, so ähnlich sieht er dem neuen Leiter der Bundespolizeiinspektion Rosenheim. Viel erfinden müsste man auch nicht. Es wären Geschichten für einige Drehbücher da, denn Ludger Otto ist schließlich krisenerprobt. Sogar die für Fernseh-Ermittler unbedingt nötige harmlose Marotte bringt er mit: Er ist stolzer Fan von St. Pauli, und das mitten in der Region Rosenheim.
Vor gut einer Woche hat der 56-jährige Polizeidirektor die Leitung der Inspektion übernommen. Sein Stellvertreter Thorsten Kleinschmidt (37) hatte seinen Posten bereits im Oktober 2020 angetreten. Seinen Einstand muss Otto nicht groß feiern, es ist die dritte Rückkehr des Beamten, der seit 26 Jahren in Rosenheim lebt. Für ihn erfüllt sich erneut ein Traum. Der Bereich „zwischen Zugspitze und Chiemsee“ sei an der sogenannten Südgrenze der schönste.
Freude an
Herausforderungen
Zuvor hatte Otto vier Jahre beim Polizeipräsidium Potsdam und bei der Bundespolizeidirektion München gearbeitet, davor war er schon mal einige Jahre stellvertretender Leiter der Inspektion in Rosenheim. In seiner Karriere erlebte er überhaupt viel Abwechslung: Erste Schritte im Staatsdienst tat er beim Bundesgrenzschutz, er war aber auch mal fünf Jahre lang Leiter der Bundespolizeidienststelle am Flughafen München.
Ein Auf und Ab, ein Wechselbad: Er erlebte am Airport eine Flugzeugentführung mit Geiselnahme, den Besuch des ersten oberbayerischen Papstes, das „Sommermärchen“ der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die Rückkehr der Tsunami-Überlebenden 2004.
Als stellvertretender Chef in Rosenheim war er führend bei der Vorbereitung auf den G7-Gipfel 2015 in Elmau (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) dabei. Im selben Jahr erreichte die Zahl vor allem der aus Syrien geflüchteten Menschen Höchststände. 2016 stießen zwei Züge bei Bad Aibling zusammen, zwölf Menschen starben, 89 wurden teils schwer verletzt. Und jedes Mal waren Beamte der Bundespolizei unter Ottos Führung an den Schauplätzen.
Es waren Einsätze, die verschiedenste Fähigkeiten erfordern, Reaktionsgeschwindigkeit, Gelassenheit, Zielstrebigkeit, Übersicht und einiges mehr. Man kann es so zusammenfassen: Ludger Otto hat in diesen Situationen seinen Ruf als Krisenmanager bestätigt.
Er beherrscht die Kunst, ziemlich unaufgeregt über ziemlich aufregende Zeiten zu sprechen. Er liebt seinen Job, will aber nicht von „Spaß“ reden, „weil das missgedeutet werden kann“, in dem Sinne, dass da jemand Vergnügen an Krisen und Katastrophen findet. Man merkt ihm immerhin die Freude an, einem Apparat beim Funktionieren zuzusehen und eine Herausforderung zu bestehen. Man bekomme vieles hin, „wenn man ein gutes Team hat“, sagt Otto.
Man kann davon ausgehen, dass er zu diesem Team auch die Mitspieler zählt, die nicht die Uniform der Bundespolizei tragen, als da wären Rettungskräfte, THW oder Kollegen der österreichischen Polizei. Dass er sie wertschätzt, dürfte die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Organisationen doch sehr erleichtern.
Ludger Otto darf in ein paar Wochen das neue Revier der Bundespolizei in Garmisch-Partenkirchen einweihen. Keine Konkurrenz zum Standort Rosenheim, auch keine Schwächung, sagt er, im Gegenteil: „Das ist eine Stärkung der Inspektion“, schon deswegen, weil damit die Bundespolizei unter Rosenheimer Regie ihre Präsenz an der österreichischen Grenze auch im Werdenfelser Land verstärke.
Die Einweihung ist für Otto einer der ersten Termine in seiner neuen Position. Er ist ansonsten noch damit beschäftigt, sich einzuleben. Das wird nicht allzu lange dauern, „ich brauche keine 100 Tage, ich hatte sie eigentlich auch noch nie.“
Immer in
Bereitschaft
Bereit sein muss er immer: Er habe erlebt, dass man im Dienst der Bundespolizei sieben Tage in der Woche und täglich über zwölf Stunden gefordert sei, „das kann schon mal zwei, drei Wochen so gehen“, wie damals, 2015, als Hunderte von Geflüchteten registriert, befragt und identifiziert sowie anschließend in der Sporthalle des Bundespolizei-Geländes untergebracht werden mussten. Die Kontrolle zu behalten, als ganze Transporter mit Menschen beladen die Grenzen überquerten, als täglich Menschen in Zügen aufgegriffen wurden.
Aber solche Spitzenbelastungen gehen auch mal vorbei, weiß Otto, der eine Reihe von Hobbys pflegt: Gravelbike fährt er seit Kurzem, er reist gerne, demnächst mit seinem Sohn Tim, der ansonsten in Passau studiert. Und er fährt Vespa. Kein kapriziöses Modell, keinen der begehrten Oldtimer. „Ich bin nicht so gut im Schrauben“, sagt er, derlei Konstruktionsarbeiten überlasse er lieber dem Nachbarn.
Da ist der Privatmann dann doch ein ganz anderer als der Beamte. Denn Ludger Otto hat eine Reihe von Umbauten im Polizeiapparat miterlebt und mitgeprägt. Offenbar mit Begeisterung. „Ich bin jemand, der gerne strukturiert“, sagt er. „Ich habe Spaß am Gestalten.“