Die Last mit den Wagen

von Redaktion

Lkw-Blockabfertigung: Kein Ende des Frusts für Fahrer und Anwohner

Rosenheim – Der Mann kam, wenigstens das, mit dem Schrecken davon. Der 68-Jährige wollte am Montag auf der Autobahn nach Kufstein fahren. Ein Moment der Unachtsamkeit, und die Fahrt war zu Ende: Mit seinem Sprinter prallte der 68-Jährige kurz vor Kiefersfelden ins Heck eines tschechischen Lastwagens. Der Lkw stand. Und zwar im Stau der Blockabfertigung.

Nicht immer kracht es. Aber immer wieder stinkt es – und zwar Anwohnern, Pendlern, Urlaubern und vor allem den Fahrern der Lastwagen. Die Blockabfertigung mit Rückstaus oft über Dutzende Kilometer ist eine Geißel fürs Inntal.

„Dosierung“ oder
doch Schikane?

Die Tiroler behaupten, die Blockabfertigung sei ein Instrument, um den Verkehr zu steuern, das wohlbegründet und nur so lange wie nötig zum Einsatz komme. Auf bayerischer Seite dagegen geht der Schikane-Verdacht um. „Die ziehen die Schrauben immer mehr an“, sagt Karl Fischer vom Logistik-Kompetenzzentrum Prien.

„Da geht einem jegliches Verständnis verloren“, schimpft Raublings Bürgermeister Olaf Kalsperger. „Wir reden vom Klimawandel, und dann stehen bei uns die Lkw auf den Straßen und lassen die Motoren laufen.“ Sein Kiefersfeldener Kollege Hajo Gruber findet‘s „unerträglich“, bei aller Sympathie für das Anliegen der Tiroler, Druck für die Verkehrswende aufzubauen.

Auch die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU) bezweifelt den Nutzen der „Dosierung“. „Tirol weiß, dass Blockabfertigungen nicht das Mittel der Wahl sind“, sagt sie. „Der Verkehr wird ja dadurch insgesamt nicht weniger.“ Für das Bundesverkehrsministerium ist die Blockabfertigung eine „unilaterale, verkehrsbeschränkende Maßnahme“, die man nicht akzeptieren könne. Die EU-Kommission solle einschreiten, heißt es seitens eines Sprechers auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen.

Unter der Drosselung des Verkehrsstroms leiden die Menschen, die im Inntal leben wie auch die, die es durchqueren. „Die Lösungen liegen eigentlich auf der Hand“, sagt Bürgermeister Hajo Gruber. „Es müssten sich nur Deutschland, Österreich und Italien darum bemühen.“

„Nur über ein Spitzengespräch“ könnte die Situation entspannt werden, sagt auch Georg Dettendorfer aus Nußdorf, Geschäftsführer der Spedition Dettendorfer und Vorsitzender des Verkehrsausschusses der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Aber der Gesprächsfaden sei gerissen.

Einig sind alle Parteien darin, dass zu viel Verkehr durchs österreichische Wipptal den Brenner hinauf strömt. Sie stimmen auch darin überein, dass mehr Schiene und weniger Straße ein Ansatz wäre. Auseinander gehen die Meinungen, wenn es um den Ausgangspunkt des Problems geht. Die Tiroler sehen unter anderem die deutsche Bahn-Infrastruktur schlecht gerüstet. Sie drängen auf den Ausbau für den Brenner-Nordzulauf.

Die Nachbarn im Norden weisen darauf hin, dass die Österreicher unter anderem mit Diesel-Privilegien den Brenner erst zum meiststrapazierten Alpenübergang gemacht haben. Stimmt, gibt man in Tirol zu, doch insgesamt sei im Vergleich der Pässe der Transit über den Brenner zu günstig. Die Tiroler fordern eine Korridor-Maut. Logistik-Experte Karl Fischer wiederum bezweifelt die Wirksamkeit solcher Gebühren: „Es hat sich noch nie etwas auf die Schiene verlagert, nur weil die Kosten erhöht wurden.“

Die Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig wie auch Landrat Otto Lederer (CSU) drängen auf eine Lösung. „Es braucht mehr Engagement auf politischer Ebene, und zwar in Tirol und in Bayern“, sagt Ludwig.

Eigentlich gibt es bereits eine Marschroute. Zehn-Punkte-Plan heißt das Papier, das Österreich und Deutschland gemeinsam verfasst haben. Die Tiroler weisen darauf hin, dass sie bereits Schritte unternommen hätten, etwa mit der Mautbefreiung der Autobahn bei Kufstein. Ludwig wiederum findet Eile bei einem Punkt, der den Tirolern besonders am Herzen liegt, unangebracht. Beim Brenner-Nordzulauf gebe es Fortschritte. Bis zum Abschluss aber dauere es. Schließlich müsse man die Betroffenen „mitnehmen“, sagt Ludwig. „Das nimmt Zeit in Anspruch.“

Nächste Maßnahme
bereits am Montag

Am kommenden Montag, 26. Juli, steht wieder Blockabfertigung im Kalender. 35 Kilometer lang zog sich am vergangenen Montag der Stau hin, der Unfall sorgte für zusätzliche Behinderungen. Außerdem stockte der Verkehr auf der A8. Dort hielt die Polizei einen sogenannten Pufferbereich frei: Sie will damit die Zufahrt für Lkw aus Richtung Salzburg freihalten. „Sonst haben wir da bald drei Stau-Enden“, heißt es dazu seitens der Verkehrspolizeiinspektion.

„Dosierkalender“: 34 Termine allein 2021

300 Lastwagen pro Stunde und manchmal sogar noch weniger – das ist der Lkw-Durchlauf bei der Blockabfertigung im Inntal auf Höhe des Grenzübergangs Kiefersfelden. Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) gibt sich vom Nutzen dieses Takts überzeugt: „Mit der Blockabfertigung konnten bislang gefährliche Situationen an den Anschlussstellen verhindert und die Verkehrs- und Versorgungssicherheit aufrechterhalten werden.“ Das Verfahren wird die Autofahrer auch im Herbst und Winter über weiter Nerven kosten: Für November und Dezember sind weitere 15 Termine vorgesehen. Insgesamt werden es damit in diesem Jahr 34 Tage mit Blockabfertigung gewesen sein. Tirol drückt offenbar mit Eifer auf die Bremse, zumeist nach Sonn- und Feiertagen. 2018 waren es 27 Dosiertage, 2019 dann 35. Auch für 2020 waren 35 „Dosiertage“ vorgesehen gewesen, aufgrund des coronabedingten Rückgangs des Verkehrs war es aber nur 24-mal dazu gekommen.

Artikel 1 von 11