Kiefersfelden –Wenn das eigene Kind stirbt, bricht für Eltern eine Welt zusammen. Das weiß niemand besser als Daniela M. (37). Vor vier Monaten hat sie ihren fünfjährigen Sohn Nade an Leukämie verloren. Eine Geschichte über Verlust, Herzschmerz und warum auch Superhelden nicht alle Probleme lösen können.
Daniela M. hält ihre Versprechen. Egal wie klein sie sind. Daran hat sich auch nach dem Tod ihres Sohnes nichts geändert. „Ich habe ihm versprochen, dass ich im Hier und Jetzt lebe und mindestens einmal am Tag lache“, sagt sie. Und das obwohl der jungen Mutter seit vier Monaten nur noch selten zum Lachen zumute ist. Ihre Geschichte erzählen will sie trotzdem, auch um anderen Mut zu machen.
Jeden Tag mindestens
einmal lachen
Sie erzählt von Nächten, in denen sie sich in den Schlaf weint. Von Momenten, in denen sie das Gefühl hat, dass ihr Herz bricht, weil der Schmerz in ihrem Körper zu groß ist. „Wenn es nicht für meine drei anderen Kinder (19, 16 und 7) wäre, würde es mich auch nicht mehr geben“, ist sich Daniela M. sicher. Weil sie aber gebraucht wird, bleibt sie stark, schluckt den Schmerz hinunter und funktioniert. Irgendwie.
Geschockt
und traurig
So wie sie seit dem Tag funktioniert hat, als sie die Ärzte an einen Tisch setzten, um ihr mitzuteilen, dass ihr damals Zweijähriger an Leukämie erkrankt ist. 29 Tage vor seinem dritten Geburtstag. „Ich war geschockt und traurig“, erinnert sich die 37-Jährige. Aber irgendwie habe sie auch geahnt, dass es nicht nur eine Grippe ist, mit der sich ihr Sohn herumschlägt. Er habe Fieber gehabt, über Schmerzen im Arm geklagt und auf das verschriebene Antibiotikum allergisch reagiert. Ein Blutbild und eine Punktion später wird aus dem Gefühl eine traurige Gewissheit: Nade hat Leukämie.
Es folgen vier Wochen gefüllt mit Chemotherapie. Nade nennt die Medikamente, die durch seinen kleinen Körper laufen, die „Chemo-Ritter“. Er lässt die Untersuchungen über sich ergehen, nimmt die Schmerzen in Kauf, ohne zu murren. Nur wenn er Pillen schlucken muss, passiert es hin und wieder, dass seine Spielzeugautos durch das Krankenzimmer fliegen. „Die hat er gehasst. Aber sonst hat er alles ganz wunderbar mitgemacht“, sagt seine Mutter.
Und das, obwohl das Leben des kleinen Buben innerhalb von wenigen Tagen auf den Kopf gestellt wurde. Seine Lieblingsgerichte konnte er plötzlich nicht mehr essen. Sobald seine Geschwister auch nur die kleinsten Anzeichen einer Erkältung hatten, durften sie Bruder und Mutter nicht mehr sehen. „2018 habe ich meine anderen drei Kinder insgesamt siebenmal gesehen“, sagt die 37-Jährige. Immer wieder habe sie das Gefühl gehabt, den Rest ihrer Familie zu vernachlässigen, weil sie nicht da war, um Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen, bei den Hausaufgaben zu helfen oder mit ihrer Tochter über ihren neuen Freund zu sprechen. „Ich konnte aber von Nade nicht weg“, sagt sie dann. Fast entschuldigend.
Während sich die Oma zu Hause in Kiefersfelden also um die drei Kinder kümmert, hält Daniela M. im Münchner Krankenhaus die Hand ihres Jüngsten. „Äußerlich hat man ihm überhaupt nicht angemerkt, dass er krank war“, sagt sie.
Unterstützung
durch Kinderhospiz
Gemeinsam seien sie täglich mehrere Runden durch die Station spaziert. Er auf dem Bobby Car, sie mit dem Infusionsständer hinterher. „Er hat auf allen Stationen Eindruck hinterlassen“, sagt sie. Sei es, weil er die anderen Kinder immer wieder zum Lachen gebracht hat oder weil er mit den Krankenschwestern flirtete.
Schließlich darf Nade nach Hause. Es geht ihm besser, die Chemotherapie scheint geholfen zu haben. Plötzlich ist das Leben der Familie wieder ein bisschen bunter. Er besucht den Kindergarten, es folgt ein Weihnachtsfest mit der ganzen Familie. Bis Nade, der mittlerweile vier Jahre alt ist, eine Lungenentzündung bekommt. „Ich wusste sofort, dass der Krebs zurück ist“, sagt die Mutter. Ein Besuch beim Arzt bestätigt den Verdacht. Es geht zurück ins Krankenhaus, zurück zur Chemotherapie und zurück in die Ungewissheit. Wieder wird es besser.
Wieder darf Nade nach Hause. Wieder dauert es nicht lange, bis der Krebs zurück ist. Es folgt eine Stammzellentherapie und eine Car-T–Therapie. Alles ohne Erfolg. Schließlich stellt die Familie die Therapien ein. Auch weil dem kleinen Nade die Kraft fehlt.
Ende April 2021 stirbt Nade in den Armen seiner Mutter. Zwei Stunden vor seinem sechsten Geburtstag. „Das war mit Abstand der schlimmste Tag in meinem Leben.“ Seitdem gebe es schlechte und weniger schlechte Tage. Ihre drei Kinder und das Team des Zentrums Südostbayern der Stiftung Ambulantes Kinderhospiz helfen ihr.
Alle drei Tage geht Daniela M. zum Friedhof in Kiefersfelden. „Es ist ein bisschen so, als würde ich mich weiterhin um ihn kümmern.“ Demnächst will sie wieder anfangen zu arbeiten, vielleicht mit den Kindern für ein paar Tage wegfahren. Im Hier und Jetzt leben. Genau so, wie sie es Nade versprochen hat.