Jede Mauer hat irgendwo ein Ende

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

Nach der Vertreibung aus der sudetendeutschen Heimat ist ein Cousin meines Großvaters in der damaligen sowjetischen Besatzungszone gelandet. So kam es, dass er nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 aus dem anderen Teil Deutschlands nicht mehr herausgekommen ist.

Als ich noch ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass diese Verwandten uns nicht besuchen könnten, weil es dort eine hohe Mauer gäbe. Das wollte meine kindliche Logik nicht akzeptieren, denn jede Mauer hat irgendwo ein Ende. Wenn alle Menschen zusammenhelfen, kann man auch eine hohe Mauer zum Einsturz bringen.

Im Gymnasium wurde uns dann erklärt, dass die Existenz zweier deutscher Staaten ein Status Quo sei, der nicht zu ändern ist. Als junge Frau habe ich wenige Jahre später vor dem Fernseher mitverfolgt, wie die ersten Trabis über die nun offene Grenze rollten, und ich habe mich in dieser Stunde meiner Tränen nicht geschämt.

Sicher haben wirtschaftliche Ursachen zum Umbruch beigetragen, der nach den friedlichen Montagsgebeten in der Leipziger Nikolaikirche nicht mehr aufzuhalten war. Am Ende war meine kindliche Logik doch gar nicht so falsch: Jede Mauer hat irgendwo ein Ende, und es braucht nur die Einsicht und den guten Willen vieler.

Der Bau der Berliner Mauer jährt sich in diesen Tagen zum 60. Mal. Man will es nicht glauben, aber jetzt werden in anderen Staaten Mauern neu gebaut. Genauso gefährlich sind die, die in unseren Köpfen entstehen. Umso wichtiger erscheint mir das erinnernde Gedenken und die Dankbarkeit, dass es auch anders gehen kann.

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