Robert Kopps Karriere in Schlaglichtern

„Nicht einen Tag bereut“

von Redaktion

Polizeipräsident Kopp geht nach 46 Jahren als Beamter in Ruhestand

Rosenheim – Es sammelt sich einiges an in einem Polizistenleben. Urkunden und Fotos zieren die Wände von Robert Kopps Büro, sie zeigen ihn mit dem jetzigen US-Präsidenten Joe Biden und mit Hilary Clinton. An der Fensterfront zum Balkon hin stehen Plüschbären in Polizeiuniform. Dazwischen ein geigenkastengroßer Kinder-Polizeiwagen aus Blech. „Ach, den hab ich geleast“, sagt Robert Kopp (62) und lacht.

Er ist gut gelaunt, vielleicht, weil er das immer ist – „ich bin ein positiv gestimmter Mensch“. Vielleicht aber auch, weil er gerade gerne innehält. Es ist Zeit, das Büro zu räumen. Zeit auch, Bilanz zu ziehen. In zwei Wochen, genau am 30. September, ist Schluss. Dann geht Robert Kopp nach 46 Dienstjahren in den Ruhestand. 46 Jahre im Dienst am Freistaat und an den Menschen, wie er sagt, mit wunderbaren Kollegen, mit viel Abwechslung und Herausforderungen. Kurz: „Ich habe keinen Tag bereut.“

Berufsstart
als Praktikant

Kopp hatte ein Jahr zusätzlich drangehängt. „Jetzt bin ich bereit.“ Keine Entscheidung gegen die Polizei, sagt er, „es ist eine Entscheidung für die Familie“. Einen Nachfolger hat das Bayerische Innenministerium übrigens noch nicht benannt.

1975 startete der gebürtige Münchner als Praktikant. Ein Nachbar, selbst Polizist, hatte ihn auf die Idee gebracht. Seine Frau kennt er seit damals. Sie habe ihm den Rücken freigehalten, Verständnis für schwierige Dienstzeiten gehabt.

„Dabei ist der Beruf des Polizisten familienfreundlich“, sagt er – weil man nach dem Nachtdienst auch mal die Kinder vom Kindergarten abholen könne, wenn andere arbeiten. „Schlaf ist nicht so das Thema bei mir.“ Es kann aber auch einmal sein, dass man im Einsatz ist, wenn die Enkelin Kommunion feiert. Oder dass man an Weihnachten zu spät zum Fest kommt. Allzu lange scheint es die Familie ihm nie krummgenommen zu haben. „Einer meiner Söhne ist Polizist geworden“, sagt Kopp zufrieden.

Der scheidende Polizeipräsident schildert sich nicht als Solisten, sondern als Teamplayer. Er war erfolgreich als Streifenpolizist, verbuchte 400 Festnahmen – immer zusammen mit den Streifenpartnern, wie er betont. Er arbeitete im Planungsstab für den G7-Gipfel in Elmau, war stellvertretender Einsatzleiter dort. Aber da waren eben auch 18000 Kollegen, „der größte Polizeieinsatz der Nachkriegsgeschichte“. Dass die Zahl der Wohnungseinbrüche im Bereich des Präsidiums spürbar gesenkt wurde – der Impuls kam von oben, das Ergebnis war Gemeinschaftsarbeit. So wie auch die Aufklärungsquote von über 70 Prozent. Ein Spitzenwert in Bayern.

Dienst ist keine
Ein-Mann-Show

Die Kollegen fingen einen auf, man tausche sich mit ihnen aus, man wachse mit ihnen. „Es gibt kaum einen Beruf, in dem Freud und Leid so eng zusammenliegen“, sagt der 62-Jährige. Das größte Geschenk sei es, jemandem das Leben zu retten oder aus einer kritischen Situation zu helfen, sagt Kopp: „Da geht man mit einem guten Gefühl nach Hause.“ Aber da ist auch die andere Seite der Medaille. Unfälle, Gewalttaten, die Groß-Tragödien wie das Zugunglück 2016 in Bad Aibling. Es bringe nichts, derlei in sich hineinzufressen, darüber zu verzweifeln – „das hilft auch niemandem“. Das Wichtigste: „Ein Polizist muss auch dann funktionieren.“

Robert Kopp hat funktioniert. Im Routinedienst, auf der Straße, im Ministerium, bei Sport-Events, bei Großereignissen aller Art, bei der Münchner Sicherheitskonferenz, in der Unsicherheit der Terror-Wiesn, die er so nennt, weil der Eingangsbereich zum Oktoberfest mal in einem islamistischen Droh-Video aufgetaucht war. Eine Herausforderung wie auch das Rosenheimer Herbstfest. Dort ließ er sich gerne blicken, dort lässt sich auch Bodenständigkeit besser demonstrieren als im Innenministerium. Der „Rosenheim-Kopp“ eben: Den Spitznamen brachte eine Boulevardzeitung bei seinem Amtsantritt auf. Er scheint sich noch heute darüber zu freuen.

Vor zwei Jahren wurde er nach einem Unfall mit dem Dienstmotorrad am Großglockner mit einem Polizeihubschrauber in ein Münchner Krankenhaus gebracht. Manche sagen, er habe bei dieser Gelegenheit die Bodenhaftung nicht nur mit den Reifen verloren. Kritik, manchmal unsachlich, gebe es an Polizisten immer, sagt Kopp. Er habe gelernt, damit umzugehen. „Für mich ist es das Wichtigste, dass vor vier Wochen endlich alle Schrauben und Platten entfernt wurden.“

Kopp geht in einer Zeit des Wandels. Auch für das Präsidium. Neue Aufgaben kommen hinzu, etwa Cybercrime mit all seinen Facetten. Und der Ton ist rauher geworden. Die wachsende Intoleranz, den Antisemitismus sieht er als Herausforderungen.

Die Polizei müsse auch Vorbild sein, sagt er, klare Kante müsse sie zeigen. Im Bereich seines Präsidiums sieht er kein strukturelles Extremismus-Problem. Einzelfälle aber könne es immer geben, nur tolerieren dürfe man sie nicht: „Das wäre nicht meine Polizei. Von solchen Leuten muss man sich trennen.“

Fürs Foto geht‘s auf den Balkon. Unter blauem Himmel fällt der Blick auf die Dächer Rosenheims und auf die Berge. „Der Blick war das Sahnehäubchen“. sagt der 62-Jährige. „Was ich vermissen werde, sind die Kollegen.“ Ab 1. Oktober ist er Privatmann. Wer da nach Hause kommt, nach all den Jahren? Er sinniert kurz und lacht: „Ein menschlicher Mensch.“

Von der RAF bis zur Corona-Krise

Die Flüchtlingskrise 2015, das Zugunglück in Bad Aibling 2016, der Doppelmord in Höfen 2018, Anschläge in Waldkraiburg auf türkische Geschäftsleute und Corona 2020, dazwischen Schnee- und Hochwasserkatastrophen: Robert Kopps Amtszeit als Präsident des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd war turbulent. Und erfolgreich: Die Polizei in diesem Bereich klärt über 75 Prozent der Verbrechen auf – aber so richtig zählt das laut Kopp nicht, da bei Grenzvergehen der Täter ja immer gleich mitermittelt werde. Schon davor bewährte sich Kopp auf vielen Schauplätzen. Etwa 2012 als Einsatzleiter beim „Championsleague-Finale dahoam“, als Bayerns Niederlage München in Trauer stürzte. Oder 2015 beim G7-Gipfel in Elmau („dem friedlichsten überhaupt“). Kopp war als ständiger Vertreter des Polizeipräsidenten beim PP München achtmal Einsatzleiter bei der Münchner Sicherheitskonferenz und siebenmal beim Oktoberfest. In seine Zeit am Innenministerium von 1999 bis 2007 fielen der versuchte Sprengstoffanschlag bei der Grundsteinlegung der Synagoge in München (2003), der Papstbesuch in München und die Fußball-WM 2006. Seine Ausbildung und sein Aufstieg in den gehobenen Dienst (von 1976 bis 1987) waren überschattet von den Terroranschlägen der RAF, die 1986 in Strasslach den Siemens-Manager Beckurts ermordeten.

Artikel 1 von 11