Gemischte Gefühle vor Schulstart

von Redaktion

Hoffen auf Präsenzunterricht, bangen wegen des Impfrückstands

Wasserburg – Heute in einer Woche ist Schulstart: Eine Neuerung an ihrer Schule macht Verena Grillhösl schon jetzt froh. „Kiosk und Mensa können wir gleich mit Beginn des neuen Schuljahres wieder anbieten“, sagt die Leiterin des Luitpold-Gymnasiums in Wasserburg. Vergangenes Schuljahr sei es auch wegen Corona nicht gelungen, einen Pächter zu finden. Die Kundschaft wird’s freuen: die Schüler und Lehrer, die nun auf Dauer in den Präsenzunterricht zurückkehren sollen.

Zwei Wochen
Maskenpflicht

Endlich wieder Schule, so halbwegs zumindest, wie man es vor dem Frühjahr 2020 kannte, mit leibhaftigen Lehrern und Schulkameraden. Dauerhaft, und nicht dauernd vom Ungemach des Distanzunterrichts bedroht: Das erwartet die Schüler im Schuljahr 2020/2021 nach dem Versprechen der Regierung.

Einige Regeln stehen fest, wie zum Beispiel die Pflicht zur OP-Maske auch am Sitzplatz im Klassenzimmer, zumindest zwei Wochen lang, bis sicher scheint, dass kein Kind ein Corona-Souvenir aus den Sommerferien in der Klasse verteilen kann. Außerdem soll die Teststrategie an den weiterführenden Schulen ausgeweitet werden. Quarantäne soll nicht mehr zwingend über die gesamte Klasse verhängt werden, nur weil sich ein Schüler angesteckt hat.

Der erste Schultag wird weniger ausgelassen als sonst ausfallen. Schuleingangsfeiern könne man nur bedingt ausrichten, sagt Schulamtsleiter Edgar Müller. „Musikalische Darbietungen und Bewirtung in geschlossenen Räumen sind nicht zugelassen.“ Was die Details angeht, besteht an den Schulen noch Klärungsbedarf. „Bestimmungen zu den Beschlüssen des Kabinetts vergangene Woche wurden angekündigt, sie sind aber noch nicht da“, sagt sie. „Momentan warten wir auf die Entscheidungen vom Ministerium“, sagt Dieter Friedl, Schulleiter vom Ignaz-Günther-Gymnasium.

Was sich viele
Eltern erwarten

Viele Eltern haben die vergangenen eineinhalb Jahre in schlechter Erinnerung. Auch weil sie mit ihren Kindern gelitten haben: unter dem Mangel an Kontakten mit Freunden und Bekannten; unter den Problemen beim Lernen, den Macken der Online-Vermittlung von Lernstoff; unter der Herausforderung auch, die Sprösslinge im stillen Kämmerlein immer wieder neu zu motivieren. „Die Kinder brauchen beim Lernen Erfolgserlebnisse, die haben sie im Homeschooling nicht“, sagt Susanne Adlmaier, die sich im Elternbeirat in der Grundschule Erlenau in Rosenheim engagiert. „Ich bin sehr froh, dass wir wieder beim Präsenzunterricht sind.“

„Die Politik ist in erster Linie gefordert“, sagt Thomas Tramp, Vorsitzender des Elternbeirats am Ignaz-Günther-Gymnasium. „Sie muss alles dafür tun, dass Präsenzunterricht abgehalten werden kann. Es darf aus meiner Sicht nicht am Geld scheitern.“ Den Kauf eines Elektroautos mit 15000 Euro fördern, für die Ausbildung eines Schülers pro Jahr aber nur 8000 Euro auszugeben, gehe nicht an.

Was die vergangenen eineinhalb Jahre betrifft, blieb einiges zu wünschen übrig. „Mit dem Engagement der Lehrkräfte an der Schule waren wir zufrieden“, sagt Tramp. Weit weniger trifft dies auf die Politik zu. Die vom Freistaat gestellte Technik für den Onlineunterricht habe nicht wirklich gut funktioniert, „die Stadt Rosenheim hat dann dankenswerterweise ein weiteres Programm zur Verfügung gestellt, damit Onlineunterricht stabil stattfinden kann“. Tramps Fazit fällt kurz aus: „Ne, also noch einmal Distanzunterricht, darauf sind weder Eltern noch Kinder scharf.“ Und wohl auch die Lehrer nicht. Erich Menacher, stellvertretender Leiter am Gymnasium Raubling, versichert: „Wir wissen damit umzugehen, es ist eine gewisse Routine eingekehrt.“ Einiges von dem, was die Schüler während Corona gelernt haben, wolle man bewahren und fortführen – „unsere Kinder sind selbstständiger geworden“.

Was die Anfahrten zu den Bildungsstätten betrifft, bezeichnet Geschäftsführer Ingmar Töppel das Angebot an Bussen als ausreichend. Man fahre seit Juli den verdichteten Takt, mit den Linien 6, 7 und 12 im Halbstundenabstand. „Von der Infektionsgefahr her ist der ÖPNV unauffällig.“ Elternvertreter Tramp dürfte sich davon nicht überzeugen lassen: „Die Schulbusse waren teilweise so voll, dass sie irgendwann die Kinder nicht mehr mitgenommen haben.“ Wegen des Ansteckungsrisikos habe die Stadt Rosenheim 2020 das Adventsshuttle eingestellt. „Wo ist der Unterschied zwischen Adventsshuttle und Schulbus?“, fragt Tramp.

Zusätzliche Kapazitäten wird die Regionalbahn nicht bereitstellen. Man rechne mit einem höheren Aufkommen an Schülern, könne aber die Schülerzüge nicht aufstocken, „weil die Bahnsteiglängen eh ausgereizt sind“, sagt eine Sprecherin der BRB. Zudem seien zu Stoßzeiten ohnehin alle Fahrzeuge im Umlauf.

Wie Töppel hob sie den stetigen schnellen Luftaustausch über Tür und Klimaanlage hervor. Jetzt heißt es warten. Auf die genauen Anweisungen aus dem Kultusministerium. Ob es beim „richtigen“ Unterricht bleiben kann, hängt von der sogenannten Krankenhaus-Ampel ab, die die Zahl der eingelieferten Covid-19-Patienten auf normale und Intensivstationen als Maßstab verwendet. Verena Grillhösl blickt weiterhin auch auf die Sieben-Tage-Inzidenz: Sehr glücklich sei sie über das Versprechen des Präsenzunterrichts. „Wenn ich mir aber die Zahlen anschaue, bin ich mir nicht so ganz sicher.“

Gesundheitsamt
mit bangem Blick

Auf 155,5 stand der Landkreis Rosenheim zu Wochenbeginn, auf 206,0 die kreisfreie Stadt Rosenheim – ein höherer Stand als vor einem Jahr. Dr. Wolfgang Hierl vom Gesundheitsamt äußert Skepsis: Sein Amt blicke dem Schulstart „mit sehr gemischten Gefühlen“ entgegen. Wegen des besorgniserregenden Impfrückstands in der Region wiederholt er, was er selbst schon „mein Mantra“ nennt: „Ich appelliere an alle Eltern, sich und die Kinder im Haushalt ab zwölf Jahren impfen zu lassen.“

Testpflicht an der Schule bleibt bis auf Weiteres bestehen

Wer getestet ist, aber auch wer geimpft oder genesen ist, genießt mittlerweile wieder gewisse Freiheiten. An der Schule aber bleibt zumindest die Testpflicht auch für Genesene und Geimpfte bestehen. Das teilte Schulamtsleiter Edgar Müller auf Anfragen der OVB-Heimatzeitungen mit. Allerdings mit dem Hinweis: so weit bislang bekannt. Am gestrigen Montag standen die detaillierten Anweisungen aus dem Kultusministerium noch aus. Die Teststrategie wird sogar ausgeweitet: Dreimal statt wie bisher zweimal pro Woche müssen sich Schüler an weiterführenden Schulen einem Schnelltest unterziehen. Für die Grundschüler gibt es einen Lolli-Pool-Test. Dafür lutschen die Kinder einer Gruppe für 30 Sekunden an einem Tupfer. Anschließend stecken alle Kinder ihre Tupfer in ein und dasselbe Röhrchen. Die Proben werden also vermischt, bevor sie ins Labor gebracht werden, somit muss der Inhalt des Röhrchens lediglich einmal analysiert werden. Erst wenn das Resultat der PCR-Analyse positiv ist, werden Einzelproben vorgenommen.

Was an den Schulen weiter gilt: die Maskenpflicht. Medizinische Masken sind für die weiterführenden Schulen vorgeschrieben, bei den Grundschülern dürfen es auch Stoffmasken sein. Aufgeweicht wird die Quarantäne-Regelung. Wenn ein Schüler positiv getestet wird, zieht das nicht notwendigerweise die Isolation der gesamten Klasse nach sich, sondern nur noch die Quarantäne von engsten Kontaktpersonen, die sich auch noch nach fünf Tagen freitesten können. Entscheiden soll das Gesundheitsamt. Genauere Bestimmungen gebe es noch nicht, sagte dessen Leiter Dr. Wolfgang Hierl. Er hoffe aber darauf, dass diese Regelungen „klar und einfach handhabbar“ seien. Tatsächlich werde eine differenzierte Prüfung im Einzelfall eine „erhebliche personelle Belastung“ darstellen. Unklar war gestern auch noch, inwiefern Ministerpräsident Söders Äußerung verbindlich ist: Ein Corona-Fall müsse überhaupt keine Quarantäne nach sich ziehen, sofern ein Luftreiniger im Klassenzimmer steht.

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