Rosenheim – Die Schleiereule (Tyto Alba) ist auf allen fünf Kontinenten verbreitet, wenn auch nicht in allen Regionen. Sie meidet etwa Regenwälder und Wüsten. In Mitteleuropa entwickelte sich die Eule mit dem Herzschleier zur Kulturfolgerin. Seit es Landwirtschaft gibt, lebt sie in enger Nachbarschaft zum Menschen. Hier fand sie optimale Lebensräume, angefangen von offenen Landschaften bis zu kleinstrukturierten, abwechslungsreichen Feldern. Sie garantierten ein hohes Mäusevorkommen.
In der modernen Landwirtschaft ist vieles großflächiger geworden, der Anbau von Mais ist gestiegen. Diese Flächen sind für den Nahrungserwerb der Schleiereule verloren.
Am Gefieder nicht
zu unterscheiden
Im Vergleich zu anderen mittelgroßen Eulen besitzt die Schleiereule keine Ohrenfedern. Dafür ziert sie der namensgebende Gesichtsschleier. Zwei schwarze Augen schauen dem Betrachter aus diesem entgegen – ein Zeichen dafür, dass diese Eule hauptsächlich die Nacht zum Nahrungserwerb nutzt. Ihre Körpergröße beträgt 35 Zentimeter. Männchen und Weibchen sind – wie üblich bei Eulen – am Gefieder nicht zu unterscheiden. Die Flügelspannweite beträgt 85 bis 95 Zentimeter.
Die Hauptbeute der Schleiereulen sind Mäuse. Anhand von 136000 Gewöll-Untersuchungen während eines Jahres in ganz Deutschland stellte sich heraus, dass nur drei Prozent auf Vögel und ein Prozent auf Lurche entfallen. Die übrigen 96 Prozent stammen von verschiedenen Mäusen.
Leben die Eulen im Überfluss, kann es sein, dass sie Beute an verschiedenen Plätzen deponieren. Vor allem an den Brutplätzen können dann bis zu 80 erjagte Mäuse in Reserve liegen.
Mehrere Jagdtechniken zeichnen die Schleiereule aus. Sie hat wohl den leisesten Flug aller Eulen. Die Natur hat sie dazu exzellent ausgestattet, um möglichst wenig Luftverwirbelungen entstehen zu lassen. Dazu ist die Oberfläche der Schwingen sehr weich, die großen Schwungfedern sind an den Vorderkanten ausgefranst und gezahnt. Dies alles wirkt wie ein Schalldämpfer.
Beute machen bei
völliger Dunkelheit
Auch bei völliger Dunkelheit ist es dem Eulenvogel möglich – auch dank seines hoch spezialisierten Gehörs – Beute zu machen. Rüttelnd über der Beute stehend, lässt er sich wie ein Handtuch lautlos auf den Kleinnager fallen.
Bei schlechtem Wetter oder im Winter überwiegt die Ansitzjagd. Der erstaunliche Jäger erbeutet im Jahr 2000 bis 3000 Mäuse. Vor Ende des ersten Lebensjahres werden Schleiereulen schon geschlechtsreif. Vom Bestand der Mäuse ist der Beginn der Brutstimmung abhängig.
Ist die Mäusedichte zu gering, lassen viele Paare das Brutgeschäft gänzlich ausfallen. Schleiereulen sind sehr standorttreu. Sie halten sich auch in schneereichen Wintern in ihrem Stammrevier auf. Aber keiner Eulenart schadet ein strenger Winter mehr als der Schleiereule. Sie kann sich keine großen Fettreserven anfressen und ist mit ihrem Beuteverhalten zu sehr auf Kleinnager spezialisiert.
Ein schneereicher, langer Winter kann bis zu 90 Prozent des Bestandes eliminieren. In einem guten Mäusejahr kann die Gelegegröße bis zu 13 Eier betragen. Im Schnitt sind es vier bis sieben Eier. Manchmal folgt sogar eine zweite Brut. Somit können unter günstigen Umständen die Winterverluste schnell kompensiert werden.
Schleiereulen leben monogam. Ausnahmsweise betreut ein Männchen auch zwei Weibchen. Die Balz verläuft zwischen dem Paar anfangs aggressiv.
Zum Balzverhalten gehört auch, dass das Männchen den Brutplatz mit laut kreischenden Rufen umkreist. Hat im Laufe der Balz das Weibchen das Männchen akzeptiert, erfolgt nach der Paarung der Nestbau.
Das Brutgeschäft erledigt nur das Weibchen, während das Männchen ab der Balz bis zum Selbstständigwerden der Jungen die Familie versorgt.
Nach 40 Tagen beteiligt sich das Weibchen wieder am Mäusefang. Mit zwei Monaten ist die Aufzucht der Jungen beendet und die Altvögel dulden die jungen Schleiereulen nicht mehr in ihrem Areal.
Nach dem Tiefpunkt des Schleiereulenbestandes in den 1970er-Jahren hat sich die Art durch Aufklärung und Naturschutz erholt. Trotz allem werden frühere Bestandszahlen nicht mehr erreicht werden. Die Art ist jedoch in Mitteleuropa nicht mehr im Bestand gefährdet.