Rosenheim – Es brummt ordentlich, dann surrt es und anschließend rastet irgendwo ein Teil in ein anderes. 16 Tonnen setzen sich in Bewegung. Tobias Wimmer sitzt in der Fahrerkabine und bewegt den Steuerhebel langsam weiter nach vorne. Er schaut über die Schulter, um zu kontrollieren, wo er hinfährt. „Die Kiste ist ausgeklappt 15 Meter lang. Da muss man schon aufpassen“, sagt er.
„Die Kiste“ ist praktisch ein weiterentwickelter Bulldog mit eingebautem Güllefass. Am Ende des Fasses ist der sogenannte Schleppschuhverteiler angebracht: ein breites Gestänge, das sich nach links und rechts ausklappen kann. Daran hängen 60 Schleppschuhe mit Schläuchen. Daraus fließt auf Knopfdruck die Gülle.
Die Gülle
bodennah ausbringen
Das Ergebnis: dünne Linien, die sich über das Gras einer Wiese in der Gemeinde Söchtenau ziehen. Die Maschine bringt die Gülle dorthin, wo sie gebraucht wird: an die Graswurzeln. Die Schleppschuhe öffnen den Boden leicht, die Schläuche legen die Gülle ab, und so gelangt sie direkt an die Grasnarbe. „Bodennahe Ausbringung“ nennt der Landwirt das. Ein herkömmlicher Odelbanzen mit Breitverteiler hingegen bringt den Dünger großflächig auf Wiesen- und Ackeroberflächen aus.
Wimmer lenkt die Maschine schräg, sodass jeder Reifen in einer eigenen Spur fährt. So wird keine Stelle doppelt überrollt. Durch seine breiten Reifen übe der Selbstfahrer geringeren Druck auf den Boden aus und verdichte diesen so weniger. Außerdem gingen bei dieser Art der Ausbringung geringere Nährstoffmengen in der Luft verloren.
Das ist laut der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) aus zwei Gründen wichtig. Zum einen bleibt der wertvolle Stickstoff, der in der Gülle enthalten ist, den Pflanzen erhalten. Zum anderen entweicht aus dem organischen Dünger durch chemische Reaktionen Ammoniak, eine Verbindung aus Stickstoff und Wasserstoff. In einem Leitfaden des LfL heißt es, dass rund 95 Prozent der Ammoniakemissionen in Deutschland aus der Landwirtschaft stammen.
Der Staat müsse die Emissionen in den kommenden Jahren drastisch reduzieren, schreibt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Denn der Stoff trägt zum Beispiel zur Bodenversauerung bei und bildet in Kontakt mit anderen Luftschadstoffen Feinstaub. Ammoniak ist als indirektes Treibhausgas außerdem klimarelevant. Wenn es in die Natur gelangt, kann daraus Lachgas entstehen. Das Treibhausgas ist rund 300-mal so klimaschädlich wie Kohlenstoffdioxid. Laut dem LfL wird aus einem Prozent des Ammoniaks Lachgas.
Um die Ammoniakemissionen zu reduzieren, werden bodennahe Ausbringverfahren ab 2025 auf Grünland Pflicht – auf Äckern ist das schon seit diesem Jahr der Fall. Der Gülleselbstfahrer mit dem Schleppschuhverteiler von Tobias Wimmer ist nur eine mögliche Technik.
Wie viel Dünger der Landwirt ausbringt, reguliert er über ein Touchpad im Fahrerhaus. Ist er die Wiese einmal hochgefahren, merkt sich das Lenksystem die Spur und schließt mithilfe von GPS passgenau an die schon gedüngte Fläche an. Ab sofort kann die Maschine alleine fahren, sie lenkt sich selbst. „Mich fasziniert diese Technik einfach“, sagt er und fährt eine scharfe Kurve.
500 000 Euro hat die 430 PS starke Maschine gekostet. Zu viel für einen einzigen Landwirt. Deswegen hat Wimmer kurz nach seiner Ausbildung zum Landwirt die Düngegemeinschaft Söchtenau-Vogtareuth gegründet. Aktuell sind dort zehn Landwirte Mitglieder. Das Geld für die Maschine haben sie von einer Bank bekommen, in zehn Jahren soll es zurückgezahlt sein. Je mehr Landwirte dabei sind, desto billiger wird es für jeden einzelnen. Die Düngegemeinschaft sei gerade in Hinblick auf 2025 offen für neue Mitglieder, sagt Wimmer.
Michael Höhensteiger vom Maschinenring Aibling-Miesbach-München sieht diese Pflichtmaßnahme kritisch. „Die Landwirte müssen sich in kurzer Zeit anpassen. Entweder man investiert, mietet oder lässt Gülle vom Dienstleister ausbringen“, erklärt er. Weil jeder die neue Technik brauche, sei „wahnsinnig wenig“ auf dem Markt. Und es gebe so gut wie keine günstigen, gebrauchten Maschinen. Wenn sich Landwirte deshalb Maschinen mit Kollegen teilen müssen, koste dies Eigenständigkeit, verbunden mit Konflikten.
Wie viel Dünger ein Landwirt ausbringen darf, ist abhängig von Faktoren wie Standort und Bodenbeschaffenheit. Im Jahr 2020 sind diese Vorschriften noch einmal strenger geworden. Denn 2018 hatte der Europäische Gerichtshof Deutschland wegen zu viel Nitrat (ein Stickstoffelement) im Grundwasser verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Bundesregierung zu wenig gegen die Belastung unternommen und damit gegen EU-Richtlinien verstoßen hatte.
Düngeverordnung
2020 verschärft
Um das Urteil des Gerichts umzusetzen, hat die Bundesregierung die Düngeverordnung im vergangenen Jahr neu aufgelegt und wiederholt verschärft. Sie gilt für ganz Deutschland, nicht nur in belasteten Gebieten – und genau das ist Michael Höhensteiger ein Dorn im Auge. Er argumentiert, dass in der Region Rosenheim keine zu hohe Nitratbelastung vorliege. Das zeigen Karten der Landesanstalt für Landwirtschaft. Der Grund: Die Region sei aufgrund der vielen Niederschläge von Grünland geprägt. „Das saugt den ganzen Dünger auf – auch im Herbst.“
Im Gegensatz zu Nitrat sammelt sich Phosphat, das im organischen Dünger Gülle enthalten ist, ins Oberflächenwasser. In der Region ist besonders der Simssee stark belastet. Deshalb müssen Landwirte seit Anfang 2021 beim Düngen ihrer Flächen mehr Abstand zum See einhalten als zuvor. Bei immer restriktiveren Vorschriften steige bei Bauern in der Region die Angst, dass ihre Ernteerträge und deren Qualität sinken, sagt Höhensteiger.
Tobias Wimmer will die Gülle, die er zur Verfügung hat, möglichst effizient nutzen. Und fährt deshalb in Zukunft mit seiner riesigen „Kiste“ über Wiesen und Felder.