Gstadt – Voll belegt ist er gerade, der Irmengard-Hof in Gstadt, ein Erholungsheim für schwerkranke Kinder und ihre Familien. 780000 Euro hatten die OVB-Leser bei der Weihnachtsaktion 2010 für die Einrichtung gespendet. „Voll belegt“ sind im wahrsten Sinne des Wortes auch ihre Eltern, denn ein pflegebedürftiges Kind fordert fast ihre gesamte Fürsorge und Kraft.
Und die Geschwisterkinder? Müssen oft hinten anstehen. Über zwei Millionen, schätzt das Deutsche Ärzteblatt, gibt es von ihnen. Von „Schattenkindern“ spricht die Psychologie, weil ihre erkrankten Brüder und Schwestern so viel Aufmerksamkeit von den Eltern brauchen.
Wenn die Rollen
vertauscht sind
Grund genug für den Irmengard-Hof, sich ausgiebig den Geschwistern zu widmen. Ein ganzes Wochenende lang genossen jetzt Kinder wie Freddi, neun Jahre, und Lena, zwölf Jahre, (Namen geändert) mit Spielen und Gesprächen in einer Gruppe Gleichaltriger, denen es genauso geht wie ihnen.
„In vielen dieser Familien haben sich die Rollenverhältnisse unter den Geschwistern umgekehrt“, erzählt Renate Zahnbrecher, Leiterin der Gstadter Einrichtung. Freddi aus Traunstein und Lena aus Siegsdorf sind Beispiele dafür.
Freddis vier Jahre älterer Bruder hat seit seiner Geburt eine schwere geistige Behinderung. Für jede Alltagshandlung braucht er die Hilfe der Mutter. Mit jedem Tag zeigt sich, wie ihm der jüngere Freddi in seiner Entwicklung voraus ist. Er nimmt sich deswegen zurück, hat mit dem Fußballspielen aufgehört und passt auf seinen älteren Bruder auf, wenn die Mutter etwas erledigen muss.
Stark verantwortlich für ihre zweijährige Schwester fühlt sich auch Lena (12). Groß war die Freude über die Geburt des Babys, aber als das Mädchen im Krankenhaus bleiben musste, die Mutter monatelang an ihrer Seite, war klar: Das Schwesterchen hat einen Gendefekt, wird vermutlich das Schulalter nicht erreichen. Lena ist die Große, Tapfere, die sich nach der Schule das Essen warm macht, wenn die Mutter die Schwester mit Spezialnahrung füttern muss. Sie weiß alles über die Krankheit der Schwester, kennt die Notfallmaßnahmen und Medikamente.
„Die Geschwisterkinder erleben die Eltern oft angstvoll, dabei müssen sie selbst so viele Ängste und Sorgen verarbeiten“, weiß Renate Zahnbrecher. Die Geschwisterarbeit am Irmengard-Hof ist ein präventives Angebot für die Kinder, stärker zu werden und besser mit der Situation zu Hause umgehen zu können. In zwei Altersgruppen unterteilt, gibt es mehrmals im Jahr solche Angebote, zusätzlich eine Samstagsgruppe. „Die Kinder werden von uns rundum betreut, dazu stellen wir ein tolles Programm auf die Beine mit besonderen Freizeitunternehmungen“, sagt Zahnbrecher. Sie klettern, bouldern, hüpfen Trampolin – und dürfen mal wieder „nur“ Kind sein.
Für die 13- bis 17-Jährigen denken sich die Betreuer größere Herausforderungen aus, waren zum Beispiel mit ihnen beim Canyoning in Kössen: „Da haben sie Situationen erlebt, wo sie über sich hinausgehen konnten“, beschreibt es Sozialpädagogin und Geschwisterfachkraft Agnes Niederthanner. Alles in allem Dinge, die mit den kranken Geschwistern nicht machbar sind.
Sorgen und akute Probleme können sich die Buben und Mädchen in Einzelgesprächen von der Seele reden. „Das Wichtigste sind aber die Gespräche der Kinder untereinander. In der Gruppe treffen sie andere, die dasselbe durchmachen. Es herrscht ein großes Verständnis füreinander, welches sie in der Schule und im Freundeskreis so nicht finden.“
Auch während des Lockdowns, als der Hof keine Gäste aufnehmen durfte, gab es Angebote, die online stattfanden. „Jetzt ist der Bedarf der Kinder nach Austausch und Gemeinschaft noch viel höher. Familien mit einem pflegebedürftigen Kind sind in diesen Zeiten besonders stark gefordert“, betont Sozialpädagogin Agnes Niederthanner. „Umso wichtiger ist es, mit dem Angebot möglichst viele Kinder und Jugendliche zu erreichen.“