Rosenheim – Landwirt und Dreher, Regisseur und Versicherungsmakler, Schauspieler und Kunstsammler, Kommunalpolitiker und Seniorenbeauftragter: Horst Halser hat in seinem Leben schon viel gemacht. Und noch immer ist der 85-Jährige politisch aktiv: Der 18-fache Großvater ist nicht nur der älteste Stadtrat in Rosenheim, sondern in ganz Bayern.
Wer Horst Halser zu Hause besucht, muss Zeit mitbringen. „Ich wohne in meinem eigenen Museum“ sagt er. Er führt durch die einzelnen Räume im Erdgeschoss, zeigt einen Teil seiner Kunstsammlung. Zu jedem Werk gibt es eine kleine Anekdote. „Früher wollte ich immer etwas mit Kunst machen oder Theaterwissenschaften studieren“, sagt Halser. Eine Leidenschaft, die er – ähnlich wie die Begeisterung für die Politik – von seinem Vater geerbt hat.
Über Landwirtschaft
und die Dreherei
Und doch sei die Beziehung zu seinem Vater, mit dem er so viel gemeinsam hat, schwierig gewesen. „Wir sind nie wirklich zusammengekommen“, sagt Halser. Statt also etwas mit Kunst oder Politik zu machen, versuchte sich Halser in der Landwirtschaft. „Ich habe jedoch schnell gemerkt, dass mich das überhaupt nicht interessiert.“
Weil Halser schon damals jemand gewesen sei, der nur Dinge getan hat, für die er sich auch begeistern konnte, machte er sich auf die Suche nach einem neuen Job und landete über Umwege in einer Dreherei. „Auch das war nicht der Traum meines Lebens“, sagt er und lacht. Aber er habe die Arbeit gut gemacht und sei schnell zum Hilfsmeister aufgestiegen. Lange geblieben sei er auch dort nicht.
Über Kontakte gelangt er zur Bayerischen Staatsoper – der erste Beruf, für den er wirklich brennt. Sieben Jahre bleibt er hier. Er hilft, wo immer er gebraucht wird, steht später als Statist sogar mit auf der Bühne. „Durch die Oper und das Theater habe ich plötzlich in einer ganz anderen Welt gelebt“, sagt Halser. Vergessen gewesen seien die Tage in der Landwirtschaft oder der Werkstatt. Stattdessen bekam er einen Einblick in eine andere Welt – und findet Gefallen daran.
Einige Jahre später wird er zum ersten Mal Vater. Was eigentlich einer der glücklichsten Momente sein sollte, wird für Halser zu einem schweren Schicksalsschlag. Denn sein Sohn Alexander kommt mit Downsyndrom auf die Welt. „Der Pfarrer hat sich damals sogar geweigert, Alexander zu taufen“, erinnert sich Halser. Und auch sonst habe er in diesen Jahren viel Ablehnung gegenüber Menschen mit Behinderung gespürt. „Das hat mich für mein späteres Leben sehr geprägt“, sagt er.
Einige Jahre nach der Geburt seines Sohnes, steigt er in die Versicherungsbranche ein und spezialisiert sich auf Ärzte und Kliniken. Neben dem Golf spielen, entdeckt er auch die Politik neu für sich und tritt 1969 der FDP bei. Von 1984 bis 1992 sitzt er nicht nur im Kreistag, sondern auch im Höslwanger Gemeinderat. In dieser Zeit lernt er seine heutige Frau Johanna Schildbach kennen. „Sie war genauso rebellisch wie ich. Das hat mir imponiert“, sagt er. Nach seiner Zeit als Gemeinderat wird Halser Vorsitzender des Rosenheimer Seniorenbeirats und zieht 2014 für die ÖDP in den Stadtrat. „Seitdem ist kein Tag vergangenen, an dem ich mich nicht politisch engagiert habe“, sagt er.
Aber es ist nicht nur die Politik, für die sein Herz schlägt. 1996 gründet er das „Backstage Theater“ und inszeniert mehr als 18 Stücke, darunter solche von Shakespeare und Lessing. Zudem arbeitet er beim Fernsehen und ist unter anderem im Stück „Austreten“ zu sehen. Seine wenige Freizeit nutzt er, um mit seiner Frau an Anträgen zu tüfteln. „Wir ziehen immer noch gemeinsam durch die Stadt und überlegen, wo es Dinge zu verbessern gibt“, sagt Halser.
Denn: Den Spaß an der Politik hat der 85-Jährige über die vergangenen 50 Jahre nicht verloren. Im Gegenteil. Auch in den kommenden Jahren will er sich für die Belange der Bürger einsetzen. Dass Halser durchaus gefragt ist, zeigt sich unter anderem während seiner Sprechstunde. „Da steht das Telefon nicht still. Sogar Leute aus dem Landkreis rufen an“, sagt er. Auch dort scheint sich herumgesprochen zu haben, dass er die Dinge ernst nimmt. Sei es, wenn es darum geht, kleinere Gießkannen für den Friedhof zu besorgen, immer wieder bei der Verwaltung nachzufragen, wie weit man mit den Planungen für die barrierefreie Gestaltung des Max-Josefs-Platzes ist oder sich für das Aufstellen von Trinkwasserbrunnen stark zu machen.
Ein Ende ist
noch nicht in Sicht
Kurz hält Horst Halser inne, entschuldigt sich für den langen Monolog über sein Leben, von dem es noch so viel mehr zu erzählen gibt. „Es war sehr abenteuerlich. Aber das größte Glück in meinem Leben bleiben meine Frau und meine große Familie“, sagt der Stadtrat. Anders machen würde er nichts. Schon gar nicht die Entscheidung, vor mehr als 50 Jahren in die Politik einzusteigen. Wie lange Horst Halser noch weitermachen will, lässt er offen. Langweilig werden würde ihm auch ohne die Politik nicht – das verrät ein Rundgang durch sein hauseigenes Museum.