Spektakuläre Sondierung am Inn

von Redaktion

Bahn-Planungen für Brenner-Nordzulauf gehen in die nächste Runde

Rosenheim – 150 Jahre ist es her, da öffnete die Bahn ihr neues „Tor zum Süden“: Am 15. Oktober 1871 rollten die ersten Züge über die neue Bahnstrecke von München über Grafing nach Rosenheim. Sie lösten die alte Mangfallbahn ab.

Dass dieser Streckenabschnitt derzeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, liegt nicht nur am runden Geburtstag. Denn die Planungen der Bahn für den Brenner-Nordzulauf nehmen nochmals Fahrt auf.

Und das ganz besonders in der Region Rosenheim. Dort, im längsten und kompliziertesten Abschnitt des Brenner-Nordzulaufs, steht in wenigen Tagen ein spektakulärer Termin an. Bereits Anfang November wollen die Planer der Bahn eine besonders aufwendige Probebohrung im Untergrund vornehmen, und zwar von Wasserfahrzeugen aus im Flussbett des Inns.

Seit im April 2021 in Rosenheim die violette Trasse als Vorschlagstrasse der Bahn vorgestellt wurde, steht fest, dass die Bahn den Inn für ihre Neubaustrecke zum Brenner-Nordzulauf zweimal queren muss. Die Inn-Sondierung ist der voraussichtlich komplizierteste Teil in der Phase der Planung, die für die Bahn jetzt beginnt. Rund 50 Bohrungen wollen die Geologen vornehmen, in manchen Bereichen bis in eine Tiefe von etwa 40 Metern.

Im November geht‘s
in den Untergrund

Im Groben ist die Bahn über den Untergrund bereits im Bilde, schon bei der Planung der Grobtrassen waren Sondierungen vorgenommen worden. Doch will sich der Konzern nun vor unliebsamen Überraschungen schützen. „Wir wollen ein Gefühl dafür bekommen, was uns dort erwartet“, sagt Bahnsprecher Anton Knapp.

Allein 22 Bohrstellen sind auf dem Gebiet der Gemeinden Stephanskirchen, Riedering und Rohrdorf vorgesehen, die Widerstand angekündigt haben. Wobei sich die Gemeinde Stephanskirchen bereits entschlossen hat, das Verfahren rechtlich prüfen zu lassen. „Wir haben Klage beim Verwaltungsgericht eingelegt“, sagt Bürgermeister Karl Mair. Die Klage richtet sich gegen den Bescheid des Landratsamtes mit der Genehmigung der Bohrungen.

Schechens Bürgermeister Stefan Adam wiederum äußert Verständnis, dass andere Gemeinden entlang der Trasse, wie Stephanskirchen oder Rohrdorf, gegen Anträge der Bahn vorgingen. In diesem Fall aber sieht er Widerstand als sinnlos an. Denn diese geologischen Erkundungsarbeiten müssen laut Eisenbahngesetz geduldet werden, auf der freien Fläche gebe es auch keinen Hinderungsgrund. Eine Ablehnung der Sondernutzung oder der 40 Meter tiefen Bohrung bringe nur eine minimale Verzögerung, denn das Eisenbahnbundesamt werde die Duldung durchdrücken. Und die Gemeinde wolle in einem guten Dialog mit der Bahn bleiben, um möglichst viel für Schechen zu erreichen.

Das hat im Übrigen auch Karl Mair vor. Stephanskirchen bereite sich für die nächsten Dialogforen der Bahn im November vor. „Wir stellen uns weiter dem Dialog.“

Bahn-Chefplaner Matthias Neumaier und sein Team halten derweil Kurs. Der Zeitplan stehe, heißt es von Seiten der Bahn, bislang gehe es ohne Verzögerung voran. Bereits 2024 sollen die Vorplanungen abgeschlossen sein, 2025 soll der Bundestag über den Brenner-Nordzulauf abstimmen.

Neue Gleise und
Blockverdichtung

Auch in der nordwestlichen Nachbarschaft der Region Rosenheim tut sich derzeit eine Menge. Dabei geht es um das zwölf Kilometer lange Teilstück zwischen Grafing und Ostermünchen.

Dort hatte die DB bereits im Sommer die Suche nach einem Streckenverlauf für zwei neue Gleise aufgenommen, die an die violette Trasse anschließen. Das Planungsteam der Bahn trug zunächst Grundlagendaten zusammen, also Streckenpläne oder Informationen über den Zustand der Strecke. Dann äußerte sich die Öffentlichkeit: Bürgermeister, einzelne engagierte Gemeindebürger, Vertreter von Interessengemeinschaften wie Pro Bahn, Bund Naturschutz oder Handelskammer. Derzeit sitzt das Planungsteam über den Vorschlägen und bezieht sie möglicherweise in die Vorplanungen ein. Bis Ende des Jahres will die Bahn Grobtrassen für die zwölf Kilometer zwischen Grafing und Ostermünchen vorstellen.

Anders läuft es im Abschnitt zwischen Grafing und Trudering: Dort ist kein Gleisneubau vonnöten. Dafür suchen die Planer nach Standorten für Stellwerke, um die Taktung der Züge beschleunigen zu können – mittels der „Blockverdichtung“ (siehe Infokasten).

So will die Bahn mehr Güter an den Brennertunnel heranführen. Wie vor 150 Jahren. Man müsse, so schrieb damals ein Beamter der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen, „den Anforderungen, welche der Brennerverkehr an die bayerischen Staatsbahnen stellt“ gewachsen sein.

Mehr Züge auf einem Gleis

Mehr Züge auf der Strecke, ohne zusätzliche Gleise: Das strebt die Bahn auf dem Teilabschnitt zwischen Trudering und Grafing an. Das Stichwort lautet: Blockverdichtung. Jedes Gleis ist durch Signale in Abschnitte, sogenannte Blöcke, unterteilt. Befindet sich ein Zug in einem Abschnitt, so ist er besetzt. Ein folgender Zug muss so lange warten, bis der Abschnitt wieder frei ist. Heißt: je mehr Blöcke in einem Streckenabschnitt, desto kürzer die Verweildauer der Züge. Und desto höher die Zahl der Züge, die ihn ohne Einbußen an Sicherheit befahren können.

Artikel 1 von 11