Rosenheim – Inzidenzzahlen knapp um die 700, zahlreiche Infektionen vor allem an den Schulen: Das Voralpenland im Südosten Oberbayerns sorgt wenige Wochen nach dem Start ins neue Schuljahr für weitere Gipfel in der Pandemie-Kurve. Allein aus den Schulen und Kitas der Region Rosenheim wurden am Montag 30 neue Fälle gemeldet.
Vor allem die Daten des Bayerischen Landesamts für Gesundheit in Erlangen (LGL) schockieren auf den ersten Blick. Eine Inzidenzzahl von 383,62 weisen die Erlanger für die Zwölf- bis 15-Jährigen im Landkreis aus, in der kreisfreien Stadt Rosenheim sind es gar 756,9.
Hochgerechnete
statistische Größe
Bei den Grundschülern registriert das LGL eine Inzidenz von 377,85, für die Stadt liegt die Zahl der Ansteckungen binnen sieben Tagen gar bei 518,13. Allerdings ist diese Zahl eine auf 100000 hochgerechnete statistische Größe. Zum Tragen kommt daher das Gesetz der kleinen Zahl: In der Stadt lassen nur 17 infizierte Grundschüler die Inzidenz auf über 500 schnellen, während sich im Landkreis 55 Infektionen in der Zahl von 377,85 niederschlagen.
Vergleicht man all diese Zahlen aber mit anderen Altersklassen, so machen sie klar, wo besondere Dynamik herrscht: an den Schulen. Bei den 16- bis 19-Jährigen in der Stadt etwa misst das LGL den Pegelstand von 423,55. Nicht einmal ein Fünftel davon registriert die Behörde bei den überwiegend geimpften und weniger mobilen Menschen ab 80 aufwärts.
Auch bei den östlichen Nachbarn sind Schulen offensichtlich Infektionstreiber. Das besagen die Statistiken des RKI, die allerdings etwas gröber gefasst sind. Für Traunstein weist das RKI für die Altersklasse von 0 bis 14 eine Sieben-Tage-Inzidenz von 398,8 aus, bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 15 bis 34 sogar eine Quote von 527,5. Wieder weit vorn in der Statistik, nach Altersklassen wie auch mit seiner Gesamtinzidenz: das Berchtesgadener Land. Es verzeichnet bei den Jüngsten von 0 bis 14 hochgerechnet auf 100000 eine Quote von 695,6.
21 positive Tests meldeten Schulen aus Stadt und Landkreis Rosenheim dem Staatlichen Gesundheitsamt allein am Freitag, der Höchstwert bislang war Anfang vergangener Woche mit der Zahl von 32 gemeldet worden.
Ist an den Schulen die Maskenpflicht womöglichzu früh gelockert worden? Der Wegfall der Regelung habe ihn schon gewundert, sagt der Rosenheimer Pneumologe und Kinderarzt Otto Laub, Vorsitzender vom Paed-Netz Bayern. „Das kam zu einem Zeitpunkt, da sich doch kaum mehr jemand daran störte.“
Allerdings hat er auch Verständnis für die Lockerungen: „Wenn Sie Wirtshäuser und Clubs aufmachen, können Sie nicht weiter die strengen Regeln nur für Schulkinder aufrechterhalten.“
Das Gesundheitsamt drückt schon auf die Bremse. In einer Schule im Landkreis waren seit 22. September 27 Fälle aus 14 verschiedenen Klassen gemeldet worden. Für drei Klassen verhängte das Gesundheitsamt Quarantäne-Maßnahmen, eine generelle Maskenpflicht im Schulgebäude und tägliche Schnelltestungen ab Jahrgangsstufe 5.
Doch wie aufschlussreich sind die Zahlen? Nach wie vor leiden Kinder im Großen und Ganzen viel seltener unter schweren Verläufen, was das LGL bestätigt. Wie auch Kinderarzt Laub. Allerdings, so sagt er auch: „Der an sich seltene schwere Verlauf ereignet sich auch häufiger, wenn die Zahl der Ansteckungen so steigt.“
Und auch bei milderen Verläufen klagen viele jüngere Menschen über lange und teilweise heftige Nachwirkungen. Wie hoch der Anteil der langfristig Geplagten wirklich ist, darüber streiten die Experten – es fehlt schlicht an Daten und Studien.
Die Zahlen des Gesundheitsamtes Rosenheim allerdings sind in einem Punkt klar: Gerade die jüngsten Schüler sind besonders exponiert und könnten Infektionen auch in ihre Familien tragen. Nach Angaben von Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Gesundheitsamtes, traten elf Prozent der Fälle bei Kindern unter zwölf Jahren auf. Es sind die sozusagen „unvermeidlichen“ Infektionen – denn für Kinder in diesem Alter gibt es noch keine Impfstoffzulassung.