„Es passt in den Kreislauf eines Betriebs“

von Redaktion

Interview Josef Westner aus Tuntenhausen darüber, warum er ein Fan von Biogas ist

Rosenheim – Seit drei Jahren läuft die Biogasanlage von Josef Westner aus Tuntenhausen. Anders als viele andere betreibt er sie fast ausschließlich mit Gülle, nicht mit Mais. Für die 14. Folge der Serie „Landwirtschaft im Wandel“ haben wir den Bauern vor seiner Anlage getroffen und mit ihm darüber gesprochen, ob Biogas Zukunft hat – und was daran unethisch ist.

Herr Westner, warum haben Biogasanlagen einen schlechten Ruf?

Viele verbinden Biogas mit Mais und Monokulturen. Sie lehnen den Mais ab. Aber wenn ein Windrad gebaut werden soll, wollen die Leute das auch nicht. Und jetzt liegt Elektromobilität im Trend. Aber die Leute wissen gar nicht, wie viel Strom man dafür braucht. Wo soll der herkommen?

Mais spielt bei Ihnen keine große Rolle.

Für unsere Anlage bauen wir keinen zusätzlichen Mais an. Wir kaufen ihn von Betrieben gleich in der nächsten Ortschaft. Bei uns gilt die 80/20-Regelung. Das bedeutet: Mindestens 80 Prozent Gülle und Mist und 20 Prozent Mais oder sonstige Futtermittel wie Gras. Daraus wird Strom produziert.

Wie viel schafft Ihre Anlage?

Wir haben eine Kleinanlage und erzeugen 75 Kilowatt Strom pro Stunde. Das ist gedeckelt, wir dürfen gar nicht mehr produzieren – von der staatlichen Vergütung her. Im Jahr erzeugen wir 650000 Kilowatt. Ein Durchschnittshaushalt mit zwei bis drei Personen braucht zwischen 3000 und 4000 Kilowatt im Jahr, sagt man. Das sind also zwischen 150 und 200 Haushalte, die wir mit Strom versorgen. Mit dem Kühlwasser des Motors der Anlage heizen wir vier Häuser in unserem Dorf.

Wie viele Kühe benötigt man, um das zu schaffen?

Ein Betrieb mit 20 bis 30 Kühen braucht nicht anfangen, weil es da nicht genügend Gülle gibt. Wir haben 85 Kühe und in der Nachzucht noch einmal 80 Tiere. Recht viel weniger geht nicht. Bei uns ist es schon knapp.

Warum fahren Sie die Anlage nicht einfach mit Mais?

Weil wir gar nicht die Flächen für den Anbau haben. Von der Vergütung her sind mittlerweile nur noch Gülleanlagen interessant. Und die Gülle ist ja da. So eine Anlage ist dann eine zusätzliche Einkommenssicherung. Die Milchwirtschaft ist recht unberechenbar, die Preise schwanken immer. Beim Gas weiß ich, was ich verdiene. Und ich finde, das gehört irgendwie dazu: Aus den Reststoffen der Kuh noch einmal etwas zu machen. Es ist nicht zu unterschätzen, was man aus Gülle alles machen kann.

Das ist aber nicht ganz billig.

Zwischen 600000 und 700000 Euro kostet so eine Anlage. Jetzt haben wir noch die Vergütung vom Staat. Es ist aber ziemlich sicher, dass sie nach 20 Jahren Laufzeit nicht mehr ausgezahlt wird.

Und dann?

Die Frage ist, was die Politik will. Ich hoffe, dass viele weitermachen. Da steckt viel Potenzial drin. So eine Anlage passt in den Kreislauf eines Betriebs. Außerdem läuft sie rund um die Uhr. Das ist was anderes als bei einer Fotovoltaikanlage, die nur Strom erzeugt, wenn die Sonne scheint.

Bei allen positiven Aspekten: Sie verbrennen in Ihrer Anlage Futter für Tiere. Viele halten das für unethisch.

Ich hatte am Anfang auch Bedenken, frischen Mais zu verwenden. Aber die Gülle-Mais-Mischung fahren wir wieder auf die Felder raus und düngen damit, nachdem daraus Biogas produziert wurde. Die Maisfasern sind noch enthalten. Das trägt dann wieder zum Humusaufbau bei.

Warum verwenden Sie nicht mehr Gras bei der Produktion?

Mais hat viel mehr Energie als Gras. Ich würde mehr Gras verwenden, kann ich aber nicht. Sonst komme ich auf mehr als 20 Prozent Futterstoffe. Man braucht mehr Gras, um auf denselben Energiegehalt wie bei Mais zu kommen.

Es heißt auch, dass Biogasanlagen enormes Risikopotenzial haben – falls klimaschädliches Methangas austritt beispielsweise.

Wenn mehr Gas produziert würde, als der Motor absaugen kann, haben wir eine Gasfackel. Sollte Gas austreten, wird es verbrannt und gelangt nicht in die Umwelt. Und wenn Güllesubstrat aus der Anlage austritt, haben wir ein Auffangbecken. Das ist Vorschrift.

Interview: Alexandra Schöne

Biogas – ein Trend mit Zukunft?

In Biogasanlagen wird laut Umwelt-Bundesamt tierisches (zum Beispiel Gülle) oder pflanzliches Material (vor allem Mais) mithilfe von Bakterien abgebaut, wobei kein Sauerstoff eingesetzt wird. Dabei entsteht Biogas, das – je nach Material – einen Methangehalt von 50 bis 75 Prozent hat. Aus dem Gas kann Strom, Wärme oder Erdgas gewonnen werden. Vor 30 Jahren hat Biogas in der Region Rosenheim noch keine große Rolle gespielt. 1990 gab es insgesamt fünf Anlagen im Landkreis. Seitdem hat sich viel getan. Im Jahr 2020 sind es 107 Biogasanlagen. 106 davon sind klein bis mittelgroß, eine sehr große Anlage steht in Feldkirchen-Westerham. Dass die Herstellung von Biogas ab den 2000er-Jahren boomte, hatte einen Grund: Die rot-grüne Koalition beschloss 2000 im Rahmen der Energiewende das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Dieses fördert die Stromerzeugung aus Biogas. Außerdem verpflichtet das EEG die Netzbetreiber, vorrangig Strom aus erneuerbaren Energien abzunehmen und weiterzuleiten. Im Jahr 2019 produzierten Biogasanlagen 5,2 Prozent des deutschen Stromverbrauchs, schreibt der Deutsche Bauernverband in seinem Situationsbericht von 2020/21. 2014 wurde das EEG geändert und die Förderung für Biogasanlagen dem Umwelt-Bundesamt zufolge gesenkt. Seitdem seien weniger Anlagen gebaut worden. 2020 wurde das EEG erneut reformiert. Anlagen mit einer Leistung über 100 Kilowatt, die bereits 20 Jahre lang gefördert wurden, werden künftig keine weiteren Gelder erhalten. In dem Gesetzesentwurf betont die Bundesregierung, wie wichtig erneuerbare Energien wie Biogas für die Zukunft seien. „Auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität im Jahr 2050 muss deshalb der Ausbau konsequent weiter vorangetrieben werden“, heißt es in dem Papier. Mittlerweile soll Deutschland schon 2045 treibhausgasneutral sein.

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