Rosenheim – Der Chef? „Tut uns leid“, sagte die Frau am anderen Ende der Leitung, „der kümmert sich gerade um einen Krankheitsfall in der eigenen Familie.“ Und überhaupt: Sie selbst vereinbare Termine bis 20 Uhr abends, danach komme die Nachbesprechung, „und um 22 Uhr geh‘ ich dann nach Hause“.
Das Gespräch mit der Sprechstunde hat so tatsächlich stattgefunden. Und man könnte noch viele Variationen davon anfügen. Mit kleinen Unterschieden, aber demselben Tenor: Die Kinderärzte im Landkreis Rosenheim melden „Land unter“. Und das liegt auch, aber bei Weitem nicht nur an Corona.
Manchmal werden die Ärzte des Andrangs nur noch mit Improvisation Herr. Auch Kinderärzte helfen einander aus, sagt etwa Prof. Dr. Gerhard Kluger aus Vogtareuth. Das sei aber zur Zeit nicht so einfach. „Ich habe versucht, Kollegen anzurufen. Bei einer Praxis waren es 15 Versuche, bis ich durchgekommen bin.“
Übereinstimmendes
Ergebnis in der Region
Ob in Vogtareuth, in Prien, in Bruckmühl oder in Rosenheim selbst – die Recherche-Anrufe der OVB-Heimatzeitungen erbrachten das übereinstimmende Ergebnis: Die Kinderärzte sind noch vor dem Einsetzen des richtigen Schmuddelwetters stark beschäftigt. „Ich habe keine Zeit zu klagen“, sagt etwa Dr. Thomas Nowotny aus Stephanskirchen.
Die Terminnot hat natürlich etwas mit der Pandemie zu tun. Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder hätten seelisch mit der Überwindung von Stress und Isolation während der Pandemie zu tun, sagt Kluger. Außerdem kommen jahreszeitlich bedingt zusätzliche Aufgaben auf die Ärzte zu.
Viele Kinder mit Husten oder Schnupfen müssen nunmehr außerhalb der Reihentests an den Schulen zusätzlich ihre Corona-Freiheit nachweisen lassen. Schnelltests brächten zwar ein schnelles Ergebnis, bedeuteten aber für die Ärzte mehr Arbeit als PCR-Tests, sagt Nowotny. „Es ist ein Unterschied, ob Sie den Test einfach nur eintüten und für den Transport ins Labor abgeben oder ob sie eine Viertelstunde aufpassen müssen, bis ein Ergebnis erscheint.“
Auch die Impfempfehlung der Stiko für junge Menschen ab zwölf Jahren mache sich bemerkbar, berichten viele Ärzte aus dem Landkreis. Impfen für Kinder und Jugendliche bescheren den Ärzten nach Nowotnys Worten denselben Aufwand wie bei Erwachsenen. Ärzte seien angehalten, die Menge des vorbestellten Impfstoffs vollständig zu verimpfen. Lasse ein Impfkandidat den Termin verfallen, sei es mitunter schwierig, auf die Schnelle jemand anderen an seiner Stelle zu einem Impftermin zu bewegen – meistens verplanen die Ärzte da übrigens ihre sprechstundenfreie Zeit.
Die Pandemie wirkt sich aber auch indirekt aus. Vergangenes Jahr steckten sich wenige Kinder mit den üblichen Krankheiten an, wegen Lockdowns und Distanzunterrichts fehlte ihnen schlicht die Gelegenheit dazu – und damit auch die Chance, ihr Immunsystem zu trainieren. Beispiel RS-Viren. „Normalerweise tauchen die RS-Fälle verstärkt Ende Oktober, Anfang November auf“, sagt Kinderarzt Otto Laub. „Vergangenes Jahr aber war da Fehlanzeige.“ Dafür seien die Praxen heuer bereits ab Juli verstärkt damit konfrontiert worden.
RSV steht für Respiratorisches Synzytial-Virus. Fieber, Schnupfen, Husten und Atembeschwerden gehören zu den häufigsten Beschwerden. Bei Säuglingen sind die Atemwege kurz und eng – was die Probleme verstärkt. „Es sind bereits viele Babys mit schweren Beschwerden an den Bronchien zu behandeln“, sagt Thomas Nowotny.
Keine Krankheit, die ein Spezialist auf die leichte Schulter nehmen wollte. Bei Kleinkindern und vor allem bei Säuglingen führen diese Beschwerden oft zu schwereren Verläufen, die eine stationäre Behandlung im Krankenhaus erfordern können.
„Schwere Atemwegsinfekte bei Säuglingen und Kindern im zweiten Lebensjahr sind im letzten Winter aufgrund der Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen nur in vereinzelten Fällen aufgetreten“, heißt es aus dem Romed-Klinikum. Heuer seien erste Patienten schon im August erkrankt, seit Anfang Oktober nehmen die Erkrankungsfälle stark zu. Vor allem Säuglinge unter sechs Monate seien betroffen, sie werden im Romed-Klinikum stationär wegen Sauerstoffbedarfs behandelt.
Im Herbst 2021 kommt einiges zusammen. Dennoch sagt Otto Laub: „So ganz neu ist das nicht.“ Auch in diesem Bereich zeigen Corona und seine Nachwirkungen die Schwächen des Gesundheitssystems auf. „Die Kinderpraxen sind übervoll“, sagt Prof. Kluger. Und das, obwohl die Region Rosenheim so engmaschig mit Ärzten versorgt sei wie kaum eine andere in der Welt.
Mehr Impfungen,
mehr Vorsorge
Das mit der Engmaschigkeit mag schon sein, hält Laub dagegen. „Nur haben wir mehr Kinder zu versorgen, mehr Impfungen, mehr Vorsorgen als vor 20 Jahren zu leisten.“ Der Schlüssel für die Ärztezahl sei aber derselbe geblieben. „Wenn Sie da nachbessern wollten, müssten Sie Geld in die Hand nehmen.“
Es ist nicht das erste Mal in den vergangenen 18 Monaten Pandemie, dass Mediziner in der Region Zweifel daran äußern, dass das Gesundheitswesen ausreichend finanziert ist.