Rosenheim – Hasan Salihamidžic ist von der Trainerbank aufgesprungen. „Wie gut ist denn der Haaland? Das ist ja eine Maschine, Alter. Morgen ruf ich den Berater an“, meint Bayern Münchens Sportvorstand zu Teammanagerin Kathleen Krüger – gerade hatte Dortmunds norwegischer Sturm-Koloss dem FC Bayern den zweiten Treffer binnen weniger Minuten eingeschenkt. Krüger lächelt: „Aber wir schicken ihn vorher bitte noch zum Friseur.“ Es ist eine Szene aus „FC Bayern – Behind the Legend“, der Amazon Original Dokumentation über den deutschen Fußball-Rekordmeister, die exklusiv auf Amazon Prime Video läuft und ab heute, Dienstag, beim Streaming-Service abrufbar ist.
Wie in der
Bezirksliga
Es ist eine der Lieblingsszenen von Mario Kottkamp. „Vor allem, weil beide danach ja auch erklären, dass auch mal ein Spaß dabei sein muss und es bei ihnen auf der Bank auch nicht anders zugeht wie in der Bezirksliga. Und genau das wollten wir zeigen.“ Kottkamp, Gründer von „JAU!Media“ und in Rosenheim ansässig, wurde von Produzent Quirin Berg an Bord geholt und ist Teil des Teams hinter der Dokumentation, die in sechs Folgen einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen des FC Bayern präsentiert. „Wir hatten eine Kamera an der Bank installiert – das war einzigartig und hat es bislang so auch noch nicht gegeben“, erzählt Kottkamp – und legt dabei eine ähnliche Leidenschaft an den Tag wie die Spieler auf dem Rasen.
Vielleicht auch, weil das Produkt sehr zufriedenstellend abgeschlossen wurde. „Unser Anspruch war, eine Doku zu machen, die alle interessiert und nicht nur den FC-Bayern-Fan. Wir wollten zeigen, dass die Jungs eigentlich ganz normal sind. Und wir wollten näherbringen, warum diese Mannschaft in einem Jahr sechs Titel errungen hat“, sagt der 46-Jährige. Sein Fazit dazu: „Man sieht, dass da eine Mannschaft zum Teil aus Freunden besteht. Du merkst, dass die sich verstehen. Und das ist ein ganz wichtiger Grund für diese Erfolgsgeschichte.“
Die Fertigung der gesamten Dokumentation kann ebenfalls als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden. Letztlich wurden von der Münchner Produktionsfirma W&B Television sechs Folgen zu je 45 Minuten produziert – als Endprodukt von mehr als 2000 Stunden Filmmaterial und 145 Interviews. Und das zu einer Zeit, in der Corona das Geschehen beherrschte und die Spieler und Teammitglieder in einer „Bubble“ lebten. „Da musste sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet werden“, erzählt Kottkamp.
Letztlich wurde Kameramann und Regisseur Nepomuk V. Fischer zu einem echten Teammitglied im Innenleben des FC Bayern. „Irgendwann haben wir gar nicht mehr registriert, dass da einer gefilmt hat“, merkte Thomas Müller bei der offiziellen Premierenvorführung der Dokumentation vergangene Woche in München an. Eben jener Müller, der zuvor verkündet hatte, aufzuhören, wenn einmal eine Kamera in die Kabine kommt. „Aber irgendwann hat die das nicht mehr gejuckt“, stellte Kottkamp fest.
Das Unverkrampfte im Innenleben der Fußball-Stars und der Vereinsbosse macht diese Dokumentation aus. „Es wird nichts verschwiegen“, sagt der Rosenheimer, der an der Sporthochschule in Köln Sportjournalismus studiert hat. Er spricht von einem „befruchtenden Austausch“ mit dem FC Bayern und darüber, dass „erstaunlich viel durchgegangen“ ist. So wird auch der Konflikt zwischen Sportvorstand Salihamidžic und Trainer Hansi Flick thematisiert, die Kamera ist auch dabei, als Flick der Mannschaft seinen Abschied vom FC Bayern erklärt. Für Kottkamp Szenen, die unbedingt gezeigt werden mussten: „Jeder Fan weiß doch, dass eine Saison Höhen und Tiefen hat – der Verein muss den Mut haben, dazu zu stehen.“
Was der FC Bayern ja auch getan hat. Und letztlich seinen Beitrag dazu leistete, dass sich „FC Bayern – Behind the Legend“ von anderen Sportdokus abhebt. Zum einen habe dafür schon das Engagement von Regisseur Simon Verhoeven gesorgt: „Er macht nicht nur wunderbare Kinofilme, sondern kann damit auch interessante Geschichten erzählen. Wir haben deshalb auch einen cineastischen Aspekt mit dabei.“ So zum Beispiel, wenn der Betrachter die bewegende Flüchtlingsgeschichte des 14-jährigen Hasan Salihamidžic während des Bosnien-Krieges erzählt bekommt. Andererseits hält sich die Dokumentation nicht nur am sportlichen Geschehen fest, sondern beleuchtet auch die Vereinsgeschichte. „Wir erzählen auch die Zeiten, als der Verein noch nicht in der Bundesliga gespielt hat.“
Gerade bei der Historie kommt Mario Kottkamp ins Spiel. Er führte viele externe Interviews, beispielsweise per Videoschalte mit Jürgen Klopp oder Bastian Schweinsteiger. „Das war ganz witzig, nachdem ich erwähnt hatte, dass ich in Rosenheim wohne“, erzählt der 46-Jährige, der früher für den Kölner „Express“ schrieb sowie für RTL und Sky als Redakteur und Abteilungsleiter gearbeitet hat und diverse TV-Formate wie „Sky90“ verantwortete. Zuletzt hat Kottkamp eine Doku über den Re-Start in der Bundesliga nach der Corona-Pause für die ARD und Amazon produziert, mit der er jüngst den Fernsehpreis des Verbandes Deutscher Sportjournalisten gewann. „Bewegtbild und Fernsehen haben mich immer interessiert – obwohl ich es geliebt habe, zu schreiben“, gerät er ins Schwärmen.
Für die FC-Bayern-Doku hatte er viele Legenden wie Sepp Maier, Bulle Roth oder Lothar Matthäus getroffen. Als Höhepunkte nennt er einen Vier-Stunden-Besuch mit gemeinsamem Mittagessen bei Franz Beckenbauer daheim und einen Dreh mit Uli Hoeneß im Frühjahr auf dem Wallberg. „Wir hatten ein Kettenfahrzeug zum Rauffahren organisiert. Wir wussten aber nicht, ob er da mitmacht. Am Ende war es ein Traumwetter da oben und wir hatten grandiose Bilder.“
Uli Hoeneß war übrigens schon einmal Bestandteil einer Saison-Doku über den FC Bayern. Ende der 1970er-Jahre wurde „Die Profis“ gedreht, Hoeneß und Teamkollege Paul Breitner waren damals die Hauptfiguren. So manche Ereignisse gleichen sich: Es gibt einen Wechsel auf Vorstandsebene, auch der Trainer verändert sich und Gerd Müller ging vom FC Bayern weg.
Oliver Kahn hat das Zepter in der Hand
Während damals Hoeneß als Manager übernahm und Pal Csernai auf der Trainerbank folgte, hat diesmal Oliver Kahn das Zepter aus den Händen von Karl-Heinz Rummenigge erhalten und Julian Nagelsmann trat die Nachfolge Flicks an. Gerd Müller hat sich für immer verabschiedet. „Wir wussten zunächst nicht, wie wir damit umgehen sollten“, gesteht Kottkamp. Letztlich habe man dem „Bomber“ die ganze Staffel gewidmet. Darin ist auch zu sehen, wie Robert Lewandowski den alten 40-Tore-Saisonrekord Müllers knackt (Kottkamp: „Eine überragende Geschichte“).
Nach Platzverweis vor TV mitgefiebert
Der Rosenheimer liebt aber gerade die anderen Szenen und erzählt davon, wie Alphonso Davies nach einem Platzverweis in Stuttgart alleine in der Kabine sitzt und vor dem Fernseher mitfiebert. „Der ist sowieso einfach göttlich“, sagt Kottkamp. Es ist eine Szene, die sonst nie an die Öffentlichkeit kommen würde. „FC Bayern – Behind the Legend“ macht es möglich.