„Wir sind abgemeldet“

von Redaktion

Dramatische Klinik-Lage – Fallzahlen explodieren weiter

Rosenheim – „Wir sind abgemeldet.“ In drei Worten fasst Dr. Jens Deerberg-Wittram, Geschäftsführer der Romed-Kliniken, die dramatische Lage in der Region zusammen. Heißt: Es ist aktuell kein Intensivplatz mehr verfügbar, die Kapazitäten sind ausgeschöpft. Die Betten: belegt durch die Vielzahl schwerer Covid-Verläufe – zu etwa 90 Prozent Ungeimpfte.

Es ist Donnerstagabend, Dunkelheit legt sich über die Stadt. Deerberg-Wittram meldet sich via Telefon, spürbar erschöpft, nach einem Tag, an dem sich Krisensitzungen, Gespräche, eine Videoschalte mit Ministerpräsident Markus Söder reihten. Er klingt ernüchtert. Was muss noch passieren, bis die Politik reagiert? Bilder aus deutschen Kliniken wie zu Beginn der Pandemie aus Bergamo? Denn die Lage in den Romed-Kliniken ist äußerst kritisch. Und am Freitag wird ein weiterer Negativrekord erreicht: 106 Covid-Patienten in den Romed-Häusern. Die Zahl der Covid- Intensivpatienten ist auf 19 angestiegen – mehr als zum Höhepunkt der zweiten Welle. Die übrigen Intensivbetten (insgesamt 36) belegen Unfallopfer, Patienten mit Schlaganfall, Herzinfarkt, Verunglückte.

Wird Triage
bald Thema?

Und mit jedem weiteren Intensivfall, der über die Zufahrt des Klinikums anrollt und der natürlich nicht abgewiesen werden kann, erhöht sich der ungeheure Druck auf die Ärzte: Welcher Patient kann von Intensiv auf Normalstation verlegt werden, um den Platz freizumachen? „Das bedeutet, weg von einem Personalschlüssel 1:2, weg von der Monitorüberwachung, von der Beatmung, eingetauscht mit einer Station, wo vier bis fünf Pflegekräfte 24 Patienten umsorgen, wo womöglich nicht umgehend auf eine Verschlechterung reagiert werden kann“, gibt der Klinik-Chef Einblick in die bittere Situation. Es fällt das Wort Triage – findet unter diesen Umständen also bereits ein Aussondern von Patienten statt? „Auf gewisse Weise schon“, bekennt Deerberg-Wittram. „Wenn ein Patient, der eigentlich auf Intensiv liegen sollte, auf Normalstation kommt, birgt das ein gewisses Risiko.“ Die Lage ist kritisch – und könnte sich angesichts exorbitant steigender Fallzahlen weiter verschärfen. 457 Neumeldungen an einem einzigen Tag, die Landkreis-Inzidenz überspringt die Marke 600 (620; Vorwoche: 493). Die Stadt schnellt binnen eines Tages von 388 auf 470 (Vorwoche: 360). Auch das ist dieser Donnerstag. Und einmal mehr die bittere Erkenntnis: Acht von zehn Fällen wären durch eine „zeitgemäße Impfung“ vermeidbar gewesen. Das ist die Erkenntnis von Gesundheitsamtsleiter Dr. Wolfgang Hierl. Hinzu kommt eine beunruhigend hohe Zahl an Ausbrüchen in Heimen. Hier macht sich der nachlassende Impfschutz bemerkbar. Acht Heimbewohner mussten hospitalisiert werden, alle voll geimpft. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein vollständig Geimpfter auf der Intensivstation landet, gering. Deerberg-Wittram betont: „Das sind ganz seltene Konstellationen von Impfdurchbrüchen und das ist in der Regel nur bei richtig schweren Vorerkrankungen der Fall.“ Er sagt: „Eine Impfung schützt vor schweren Verläufen.“

Die Welle der
Ungeimpften

Ein Punkt, der in der Region Rosenheim immer noch von einer Vielzahl ignoriert wird. Die Impfquote (57,7 Prozent) ist deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt (67,4). Die Bereitschaft zur Impfung kommt trotz weiter verschärfter Regelungen nur mäßig in Schwung. Gleichzeitig überschwemmt die Welle der Ungeimpften die Kliniken. Etwa 90 Prozent der Covid-Intensivfälle sind zumindest bei Romed Ungeimpfte. Ein Umstand, der Deerberg-Wittram deutliche Worte finden lässt: Es brauche endlich klare Maßgaben aus Berlin, sei es eine Impfpflicht, seien es Kontaktbeschränkungen bis hin zum Lockdown. Doch es kommt: nichts. „Die Bundespolitik lässt den Südosten Bayerns im Stich.“ Und das zuallererst zu Lasten der Menschen und deren Gesundheit. „Das eigentliche Problem ist, was das in der Bevölkerung hinterlässt, diese vermeidbaren Todesfälle.“

Die Corona-Lage in der Region Rosenheim

Die Corona-Fallzahlen explodieren. Binnen einer Woche kamen 1921 Neuinfektionen hinzu (Vorwoche 1520). Betroffen waren diese Woche allein 42 Schulen mit 100 Fällen und 28 Kitas mit 43 Infektionen. Überdies waren 19 Alten- und Pflegeheime betroffen mit 116 infizierten Bewohnern, davon 98 vollständig geimpft und 17 ungeimpft. Acht Bewohner mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Zahl der Corona-Toten steigt weiter und erhöht sich um 15 (Vorwoche: 5), darunter zwei Personen unter 60 Jahren, neun über 80. Sechs waren in einem Heim betreut worden.

Artikel 7 von 11