Rosenheim – Die Intensivstationen in den hiesigen Kliniken sind am Limit, aber auch der Rettungsdienst muss sich mit der zunehmenden Zahl an Covid-Patienten auseinandersetzen. Mit dem Ärztlichen Leiter des Rettungszweckverbands der Stadt und des Landkreises Rosenheim sowie des Nachbarkreises Miesbach, Dr. Michael Städtler, sprachen die OVB-Heimatzeitungen über die Arbeitsbelastung der Rettungskräfte und den möglichen Einsatz des Katastrophenschutzes für den Patiententransport.
Müssen sich die Menschen derzeit bei akuten Notfällen Sorgen machen, dass der Rettungsdienst nicht mehr zeitnah ankommt oder sie nicht mehr angemessen versorgt werden können?
Bei echten Notfällen können die Leute natürlich anrufen und sicher sein: Es wird geholfen, derzeit nicht schlechter als sonst, zumindest aus rettungsdienstlicher Sicht. Aber auch die Kliniken geben sich alle Mühe, die Patienten zu versorgen. Hier kann es aber durchaus sein, dass in der ersten Klinik, die angefahren wird, nur eine Erstversorgung und Stabilisierung des Patienten stattfindet und im Nachgang eine weitere Klinik gesucht wird, weil die Intensivstationen voll sind. Hier liegt momentan der Engpass. Es gibt aber auch Spitzenzeiten, in denen die Rettungswagen vor den Notaufnahmen Schlange stehen. Dann werden die Patienten mit den schwersten Erkrankungen zuerst behandelt. Aber: Die Intensiv-Versorgung ist tatsächlich gefährdet, so viel lässt sich sagen.
Wie hoch ist derzeit das Fahrtenaufkommen für den Rettungsdienst im Bereich Rosenheim?
Das Fahrtenaufkommen ist derzeit nicht überdurchschnittlich. Während des Sommers war sehr viel los. Jetzt bemerken wir bei der Zahl der Fahrten wieder einen Rückgang, sei es durch den Herbst, sei es durch Corona. Die Gründe hierfür lassen sich nicht genau benennen. Aber man merkt, dass in den vergangenen Tagen und wenigen Wochen die Einsätze wieder ein wenig zurückgehen. Ob dieser Trend anhält, lässt sich nicht sagen.
Die Betten in den Kliniken sind voll. Wie hoch ist das Konfliktpotenzial zwischen den Mitarbeitern des Rettungsdienstes und dem Klinikpersonal – Stichwort Akutzuweisung?
Dadurch, dass alle wissen, dass es bei den Versorgungskapazitäten eng ist, klappt die Zusammenarbeit sehr gut. Das bestätigen mir Notarztkollegen, aber auch Mitarbeiter aus dem Rettungsdienst und Disponenten auf der Leitstelle. Die Stimmung untereinander, und da spreche ich auch aus eigener Erfahrung, wird von den Kollegen des Rettungsdienstes als sehr kollegial und kooperativ beschrieben. Einfach gesagt: Wenn Not am Mann ist, dann hält man zusammen. Und wenn eine Alternativlösung tragbar ist, wählt man diese. Das ist tatsächlich eine gemeinsame Absprache. Man merkt natürlich eine Zunahme der Akutbelegungen, also jene Situation, wenn alle Kliniken voll belegt sind, der Patient aber dennoch untergebracht werden muss. Grundsätzlich müssen die Krankenhäuser die Patienten versorgen. Die Kliniken zeigen aber an, wenn ihre Ressourcen ausgeschöpft sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir den Patienten nicht versorgen können, jedoch unter Umständen nicht in der gebotenen Qualität. Das heißt nicht, dass der Patient hierdurch Schaden erleidet, sondern – einfach gesprochen: Es stehen nicht gleich zwei Ärzte zur Versorgung zur Verfügung, sondern gegebenenfalls nur einer.
Aber dem Patienten wird
geholfen.
Wie steht es denn momentan um die Verlegungsfahrten zwischen den Krankenhäusern?
Diese Fahrten stehen immer dann an, wenn ein Krankenhaus eine bestimmte Behandlung nicht vornehmen kann und der Patient aus diesem Grund in eine höherwertige Einrichtung gefahren werden muss. Gravierend ist die Situation vor allem auf den Intensivstationen. Und dort durch die hohe Belastung mit Covid-Patienten. Hier waren wir von Anfang an sehr hoch ausgelastet. Es hat aber Bereiche Bayerns gegeben, die eine etwas geringere Auslastung hatten. Dorthin hat man Patienten dann verlegen können. Man hilft sich auch hier untereinander, wobei diese bayernweiten Kapazitäten jetzt auch fast ausgeschöpft sind.
Gab es auch Fahrten zu Kliniken jenseits der bayerischen Landesgrenze?
Nein, aus unserem Rettungsdienstbereich nicht. Die Verlegungsfahrten sind in erster Linie innerhalb des Rettungsdienstbereiches. Abverlegungen haben wir mal gehabt in Richtung Traunstein, Oberland, Ingolstadt und auch mal nach Niederbayern oder Franken. Aber das ist nicht die Regel. So oder so wären diese Fahrten auch nicht mehr sinnvoll, denn die Betten in den Kliniken dort sind ja auch vollends belegt.
Steht denn zu befürchten, dass diese Abverlegungen zunehmen?
Wenn ich das wüsste, würde ich es Ihnen sagen. Derzeit ist die Maßgabe: Wir schauen, dass wir die Patienten, so gut es geht, bei uns selbst versorgen.
Wie steht es derzeit um die Belastung des Rettungsdienstpersonals?
Wir durchleben diese Phase ja schon geraume Zeit – mal mehr, mal weniger intensiv. Ich finde, die Kollegen im Rettungsdienst machen das alles hervorragend. Sie nehmen die Situation so an, wie sie ist. Es herrscht natürlich eine höhere Belastung, aber mir sind keine größeren Ausfälle bekannt.
Ist zu befürchten, dass man den Katastrophenschutz mobilisieren muss, um den Rettungsdienst aufrechtzuerhalten?
Man wird sicher auf Kräfte des Katastrophenschutzes zurückgreifen müssen, wenn es nicht mehr weitergeht. Aber die Ausrufung des Katastrophenfalles betrifft ja nicht nur den Rettungsdienst, sondern auch andere Beteiligte. Wer Hilfe braucht, wird versuchen, auf dieses Personal zurückzugreifen. Im Rettungsdienst kommt der Katastrophenschutz bei Einsatzspitzen zum Tragen. Aber wir haben doch eine erhebliche Vorhaltung an Rettungsmitteln, die über das Land verteilt sind. Es lässt sich nicht voraussehen, ob der Katastrophenschutz zum Einsatz kommen muss.
Interview: Jens Kirschner