Der Schelm mit dem Helm

von Redaktion

OVB-Leser zeigen Herz Wie Lucas im HPZ zur Persönlichkeit heranreift

Rosenheim/Mühldorf – Was sich Lucas (15) wünscht? Da muss er nicht lange überlegen: „Erst einmal einen höhenverstellbaren Tisch. Dann einen modernen PC mit mehr Tempo und Windows 10 statt 7. “

Und damit nicht genug. Es sprudelt nur so aus ihm heraus im coronakonformen Zoom-Interview mit den OVB-Heimatzeitungen. „Ein variabler Stuhl fürs Klassenzimmer. Dann müsste ich nicht ewig stehen, wenn Herr Kopton etwas erklärt.“

Tobias Kopton, das ist sein Lehrer in der M4, der Mittelschulstufe 4 im Heilpädagogischen Zentrum Aschau (HPZ). Kopton hält große Stücke auf Lucas. Den Quali traut er ihm in jedem Fall zu.

Mit 15 schon
eine Persönlichkeit

Wer begreifen will, was das HPZ Aschau leistet, der muss sich nur mit Lucas unterhalten. Mehr als sein halbes Leben hat er dort verbracht. Er wohnt dort, geht dort zur Schule. 2013 ist er als kleiner Bub aus der Ravensburger Gegend nach Aschau gekommen. Ein junger Mann ist er noch nicht ganz – aber schon zu einer erstaunlichen Persönlichkeit herangereift.

Den Helm trägt Lucas in der Videokonferenz mit dem OVB nicht etwa, weil er gerade vom Mountainbiken kommt. Nein, der Kopfschutz ist sein Markenzeichen. Er trägt ihn fast immer. Denn die Gelenke von Lucas sind versteift. AMC nennen die Mediziner diese starke körperliche Beeinträchtigung (siehe Kasten).

Und wer weder Arme noch Beine abwinkeln kann, fällt beim Stehen, Gehen, Tischtennis- oder Fußballspielen leicht mal hin. „Das passiert mir ungefähr jeden Monat einmal“, schätzt Lucas, der sich bei jedem Sturz geschickt abrollt. Aber ohne Helm geht es halt nicht.

Dass bei der Video-Liveschaltung auch der Reporter eine Mütze trägt, passt nicht nur optisch gut ins Bild. Denn wer mit Lucas ein Interview führt, muss sich warm anziehen: Schnell und präzise formuliert er seine Gedanken, und wenn eine Frage zu platt und dämlich daherkommt, kontert er – höflich, geistreich und wortwitzig – mit einer pfiffigen Gegenfrage. Ein Schelm mit Helm.

Ob Lehrer, Erzieherinnen, Ergo- und Physiotherapeutinnen oder Mitschüler – von Lucas‘ humorvoller, lebensbejahender Art sind alle im HPZ beeindruckt. Die Digitalisierung ist für junge Menschen wie ihn ein Segen. Tablet und andere moderne Techniken bedeuten mehr Freiheit, mehr Teilhabe, mehr Selbstbestimmung.

Wenn es im Olymp
so richtig menschelt

Wie präzise er in Geometrie ein digitales Dreieck auf die Bildschirmoberfläche zeichnet und die Seitenlängen berechnet, erstaunt Tobias Kopton immer wieder. Pythagoras wäre begeistert.

Apropos alte Griechen. Deren Olymp hat es Lucas besonders angetan, zusammen mit dem 17-jährigen Film- und Buchhelden Percy Jackson – er ist der Sohn des Poseidon – taucht er für sein Leben gern in die Welt der Götter und Halbgötter, Titanen und Giganten ein – auch weil es bei Zeus, Aphrodite und Apollo so richtig menschelt: „Da ist keiner perfekt.“ Wie auf der Erde hat jeder seine Achillesferse.

Noch ein Halbgott –
aber in Schwarz-Gelb

In Geschichte ist Lukas also auch schon fit für den Quali. Schade nur, dass es nicht auch das Fach Fußball gibt. Da kennt sich Lucas besonders gut aus – in Theorie und Praxis. Sein Lieblingsklub: „Borussia Dortmund.“ Lieblingsspieler: „Marco Reus – noch.“ Noch? „Erling Haaland gehört die Zukunft auch in meinem Herzen“, erklärt Lucas. Ein bisserl Pathos kann nie schaden. Und Haaland trifft ja auch wie ein Halbgott.

Die jüngste 2:3-Schlappe im Derby gegen die Bayern ist für einen Schwarz-Gelben wie den Lucas natürlich eine bittere Pille. Das Match hat er bei Patrick, ein guter Spezl im Ort, angeschaut. Zu ihm fährt Lucas selbstständig mit dem E-Rollstuhl.

Freunde hat Lucas einige, der beste ist in seiner Klasse. „Aber den Namen verrate ich jetzt nicht, weil ich nicht weiß, ob er damit einverstanden ist, dass das in der Zeitung steht.“ Typisch Lucas: vorausdenkend, sozial, empathisch.

Fußball ist ein soziales Spiel. Natürlich ist Lucas da dabei – allen Einschränkungen zum Trotz. Hat er seinen besten Kumpel im Team, stürmt er gern im Angriff. Kickt sein Lieblingsmitspieler beim Gegner, verteidigt Lucas lieber. Einmal hat er ein besonderes Tor geschossen, mit rechts, seinem stärkeren Fuß. Fast wäre er dabei hingefallen, aber irgendwie hat es Lucas geschafft, das Gleichgewicht zu halten – im selben Moment flog die Kugel ins Netz. Ein toller Moment, schon Jahre her, doch Lucas wird ihn nie vergessen.

Das HPZ steht jetzt vor einem großen, dringend benötigten Modernisierungsschub. Ob Schule, Wohnheim, Tagesstätte oder Therapieräume. Größere Umbaumaßnahmen stehen an.

Lucas freut sich schon darauf. Die Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ soll dafür sorgen, dass das Geld auch für eine moderne Ausstattung reicht und möglichst viele Kinderwünsche in Erfüllung gehen. Lucas: „Ein kleiner Hartplatz zum Bolzen mit zwei Toren wäre sehr wichtig.“ Darauf kann der 15-Jährige besser laufen als auf der Wiese.

„Sollte die neue Schule mehrstöckig sein, brauchen wir natürlich einen Lift“, denkt er nicht quer, wie so manch anderer in Zeiten von Corona, sondern lieber in die Höhe. Und er denkt voraus: Den Computer kann er sich als seinen Arbeitsplatz der Zukunft vorstellen.

Sicher würde Lucas einen tollen Fußball-Kommentator im Radio oder im Fernsehen abgeben, die sprachlichen Fähigkeiten dazu hat er allemal. Die Objektivität dagegen vielleicht nicht ganz: „Ich helfe ja immer zu den Kleinen. Dann lieber eine Musiksendung moderieren“, lacht er.

Zahlscheine für die

OVB-Weihnachtsaktion

liegen heute bei

Das ist AMC

Arthrogryposis multiplex congenita, kurz AMC, ist ein Sammelbegriff für multiple angeborene Gelenkkontrakturen, die unterschiedlich stark zu Einschränkungen an den Extremitäten und der Wirbelsäule führen. Bei Lucas sind alle Gelenke betroffen beziehungsweise steif. Deshalb kann er weder sitzen noch alleine essen, ist auf Begleitung und Hilfsmittel wie einen Rollstuhl angewiesen – und wenn er Tischtennis spielt, wird der Schläger mit einem Band am Handgelenk fixiert. Lucas wohnt im HPZ Aschau mit fünf weiteren Kindern und Jugendlichen in der Regenbogengruppe mitten im Ort im Würzburger Haus, zweiter Stock. Von dort geht es jeden Werktag zur Schule neben der Kinderklinik und zurück.

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